Wie Chinas Starbucks-Konkurrent Investoren aus aller Welt täuschte

Wie Chinas Starbucks-Konkurrent Investoren aus aller Welt täuschte

Die Zahlen waren Luftschlösser, nichts als erfunden. Die chinesische Kaffee-Kette Luckin hatte die Verkaufszahlen aufgebauscht und dabei nicht nur Kleinanleger getäuscht, sondern auch große Hedgefonds wie den US-Vermögensverwalter Blackrock, GIC einen Staatsfonds aus Singapur sowie Rohstoffhändler Louis Dreyfus, einen der weltweitgrößten Händler für Orangensaft und Kaffee.

Vergangene Woche Donnerstag erklärte Luckin, dass die 2,2 Milliarden Yuan (ca. 310 Milliarden US-Dollar), die als Umsatz zwischen dem zweiten und vierten Quartal 2019 gemeldet worden waren, fingiert waren. Jian Liu, seit 2018 leitender Geschäftsführer, wurde daraufhin suspendiert.

Die Papiere des seit Mai 2019 an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelisteten Unternehmens brachen nach Bekanntgabe um über 75 Prozent ein und drückten das noch junge Kaffee-Start-up aus dem südchinesischen Xiamen an den Rand eines Kollaps.

Mehr Filialen als Starbucks

Kaffee war lange Zeit nicht unbedingt das Lieblingsgetränk der Chinesen. Aber mit dem Wohlstand kamen auch westlicher Lebensstil und dessen Gewohnheiten in China an. Büroangestellte, Studenten und Rentner genehmigten sich vor allem deswegen gern eine Tasse vom heimischen Kaffeeanbieter Luckin, da dessen Preise gegenüber den fast fünf Euro, die die US-Kette Starbucks in China für einen Becher Kaffee verlangt, unschlagbar günstig waren.

Mit sogenannten Rabatt-Coupons, die Smartphone Nutzer fast täglich bekamen, kostete eine Tasse Luckin-Kaffee einen Bruchteil dessen, was andere Kaffeehäuser für ihre Heißgetränke in den Metropolen Chinas verlangen. Noch dazu wurde der Kaffee in kürzester Zeit ins Büro oder nach Hause geliefert. Diese unschlagbaren Angebote machten das Start-up erst richtig beliebt.

Im Mai 2019 ging Lucking Coffee an die US-Börse Nasdaq.

Im Mai 2019 ging Lucking Coffee an die US-Börse Nasdaq.Foto: REUTERS

Gerade erst 2017 gegründet, hatte Luckin zuletzt rund 4500 Shops auf dem chinesischen Festland – nach eigenen Angaben etwa 200 mehr als Starbucks, das schon vor zwanzig Jahren in China Fuß gefasst hatte. Lag der Umsatz vor zwei Jahren noch bei 120 Millionen US-Dollar, prognostizierten Anfang des Jahres Analysten den Umsatz von Luckin für dieses Jahr auf im Schnitt zwei Milliarden US-Dollar. Starbucks hatte, gerade durch sein wachsendes Chinageschäft, zuletzt einen Umsatz von 6,7 Milliarden Dollar im vierten Quartal 2019 erreicht.

Mit dem Smartphone Kaffee vorbestellen

Dabei sind es keine „richtigen“ Kaffeehäuser die Luckin vor allem in den Städten betreibt, sondern eher viele kleine Läden, die nur ein paar Quadratmeter groß sind, ohne Sitzplätze, aber dafür direkt an Bürogebäuden oder in der Nähe von Ein- und Ausgängen von Einkaufscentern liegen. Per Smartphone bestellen die Kunden den Kaffee, oder andere Heißgetränke, und können sich diese nur ein paar Minuten später direkt unten im Foyer ihres Bürogebäudes abholen oder sich sogar günstig liefern lassen. Trotz guter Lage sind die Mieten und Personalkosten der Luckin-Filialen vorallem deshalb überschaubar, weil der Kaffee „to go“ gebraut wird. Zudem warb das Unternehmen aggressiv mit bekannten chinesischen Schauspielern und Sprüchen wie: „Wer kann diese Tasse nicht lieben“.

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Der jährliche Kaffeeverbrauch pro Kopf liegt in China durchschnittlich bei etwa sieben Tassen. Zum Vergleich: Jeder Deutsche trinkt im Schnitt etwa zwei Tassen pro Tag. Die Möglichkeit noch mit viel Luft nach oben zu wachsen, hatte den Börsengang von Luckin beflügelt. 561 Millionen US-Dollar sammelte es ein, was dem Unternehmen eine Bewertung von rund vier Milliarden US-Dollar bescherte. Der Marktwert des chinesischen Rivalen von Starbucks hatte sich seit Börsengang bis Anfang dieses Jahres sogar auf elf Milliarden Dollar verdreifachen können.

Cooles Kaffeeerlebnis aus dem Automaten

Mit Ausbruch der Corona-Krankheit allerdings musste auch Luckin 200 Filialen in Wuhan schließen, ließ aber viele seiner anderen Filialen in anderen Metropolen weiter offen, weil sie sowieso nicht zum Aufenthalt bestimmt waren. Starbucks hingegen mußte 95 Prozent seiner Filialen auf dem chinesischen Festland schließen und öffnete sie erst wieder nach 45 bis 60 Tagen je nach Quarantänemaßnahmen der lokalen Behörden.

Luckins strategische Ausrichtung war es, den Status quo der traditionellen Kaffeeshops zu durchbrechen. Das coole Kaffeeerlebnis zu bieten, ohne dafür rumsitzen zu müssen. Und der nächste Schritt ging in Richtung Selbstbedienungsautomaten, etwa auf Flughäfen, in Universitäten oder in nahegelegenen Bürogebäuden. So verkündete Luckin-Chefin Ziya Qian noch im Januar auf einer Pressekonferenz in Peking, dass die Automaten künftig „an so vielen Stellen wie benötigt aufgestellt werden sollen“. Doch dazu dürfte es vorerst nicht mehr kommen.

Für den Schweizer Kaffeeautomatenhersteller Schaerer ist dies ein herber Rückschlag. Waren sie bisher einer der größten Lieferanten von Kaffeemaschinen für Luckin gewesen, hätte auch die Expansion in Kaffeeautomaten ein großes Geschäft für Schaerer bedeutet. Mehr als 40.000 Kaffeemaschinen allein haben sie 2019 nach China geliefert. Schaerer ist damit laut eigenen Angaben zum branchenweit größten Hersteller aufgestiegen – noch vor der deutschen Muttergesellschaft WMF, die lange Zeit marktführend gewesen war.

Kunden fürchten um ihre Gutscheine

Doch vielen Anlegern waren die Managementmethoden sowie aber auch der Geschäftsplan von Luckin irgendwann suspekt. Das Unternehmen, das bisher nur rote Zahlen schrieb, hatte Umsatzzuwächse von 500 Prozent versprochen.

Chinas Parteiblatt, China Daily, kritisierte, dass Luckin „nicht nur den Investoren geschadet hätte, sondern auch dem Ruf von chinesischen Firmen im Ausland“. Während US-Anleger sich nun geprellt sehen, hatten chinesische Verbraucher zuletzt durch ihre erhöhte Nachfrage nach Luckin Kaffee die Plattform des Kaffeebrauers für einen halben Tag lahmgelegt.

Viele Kunden befürchteten nach Bekanntwerden des Skandals, dass nun alle Luckin-Läden dicht machen würden und bestellten noch schnell Kaffee um ihre restlichen Coupons aufzubrauchen. Und um eine letzte Tasse günstigen Kaffees zu erwischen, bevor Luckin Insolvenz anmelden muss. Weil es in China Frühling wird und die Temperaturen steigen, wurden auch besonders viele Kaltgetränke bestellt.

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