Startup-Alltag: „Ich bin also der Nächste, der entlassen wird“

Startup-Alltag: „Ich bin also der Nächste, der entlassen wird“

Sachen packen und gehen – nach seiner Entlassung blieb kaum mehr Zeit für Offboarding, erzählt unser Gesprächspartner.

Arbeiten im Startup – damit verbinden viele Menschen kostenlosen Kaffee und volle Obstkörbe bei niedrigem Gehalt und mindestens ausbaufähigen Arbeitsbedingungen. Was ist dran an diesem Bild? In anonymen Erfahrungsberichten lässt die Gründerszene-Redaktion aktuelle und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter junger Unternehmen sprechen. Aufgezeichnet werden ihre Worte von wechselnden Autoren. Der Startup-Alltag im Realitätscheck:

Am Anfang waren wir alle krass motiviert, die Mission der Firma hat uns angetrieben. Wir hängten uns richtig rein, zwölf oder dreizehn Stunden Arbeit am Tag waren normal. Mein Team hatte einen eigenen Schlachtruf, mit dem wir uns gegenseitig im Büro anfeuerten.

Für Startup-Verhältnisse waren die Gehälter in der Firma hoch. Ein Kollege bekam beim Vorstellungsgespräch sogar mehr Geld angeboten, als er ursprünglich gefordert hatte. Anfangs konnte sich das Unternehmen das noch leisten – wir waren mit viel Kapital von Investoren ausgestattet und die nächste VC-Runde sollte bald folgen.

Finanzierungsrunde geplatzt – Sorge ums Gehalt

In den Teammeetings gab es zwar die Möglichkeit, Fragen ans Management zu stellen. Aber zufriedenstellende Antworten bekamen wir nie. Was war zum Beispiel der Plan für den Winter? Von den Führungskräften hieß es immer nur, dass die Flotte reduziert und die Operations angepasst würden. Aber was mit den Angestellten passieren würde, wurde nie gesagt.

Trotzdem bekamen alle irgendwann mit, dass das Geschäft nicht gut lief. Viele fürchteten, dass der Firma bald das Geld ausgehen würde, denn die geplante Finanzierungsrunde kam auch nicht zustande. Am Schluss hatte ich Sorge, ob mein Gehalt am Ende des Monats auf dem Konto landen würde.


„Ich zahle mir 132.000 Euro Gehalt und finde das in Ordnung“

Arbeit im Startup:

„Ich zahle mir 132.000 Euro Gehalt und finde das in Ordnung“

Unser Gesprächspartner ist Gründer eines profitablen Startups. Er verdient dreimal so viel wie seine Mitarbeiter – und hat deswegen kein schlechtes Gewissen.

Von einem Tag auf den anderen wurden dann plötzlich richtig viele Leute entlassen. Wie viele es genau gewesen sind, kann ich nicht sagen, aber bestimmt mehr als ein Drittel der Belegschaft. Kurz nach dem Mittagessen kam ein Kollege ins Büro und erzählte, dass sein gesamtes Team entlassen worden sei. Einer von denen hatte erst in derselben Woche angefangen. Da herrschte auf einmal komplette Stille im Raum. Von meinem Schreibtisch aus habe ich gesehen, wie auch andere Teams ihre Sachen packten.

Keine Zeit für Offboarding

Mit ein paar Kollegen habe ich in der Küche Kaffee getrunken – arbeiten konnte zu diesem Zeitpunkt eh niemand mehr. Wir machten Witze darüber, wer wohl als Nächstes dran sein würde. In dem Moment bekam ich über Slack eine Nachricht von meinem Manager. Er fragte, ob ich kurz Zeit hätte. „Okay, ich bin also der Nächste“, sagte ich zu den anderen. Wir wurden dann alle nacheinander in einen Meetingraum geholt. Der CEO war bei den Kündigungsgesprächen nicht dabei.

Das Gehalt erhielten wir noch einen Monat nach der Kündigung weiter, ins Büro sollten wir aber nicht mehr kommen. Es blieb deshalb keine Zeit für Offboarding. Ich leitete nur die wichtigsten E-Mails an meinen Manager weiter und packte noch am selben Tag meine Sachen. Danach gingen wir alle in einen Pub in der Nähe und feierten ein bisschen. Es gab auch ein paar Leute, die nach der Kündigung geweint haben, aber so richtig traurig war, glaube ich, niemand. Am Ende war das Klima dort toxisch.

Aufgezeichnet von Sarah Heuberger

Ihr arbeitet auch für ein Startup und wollt eure Erfahrungen – gute wie schlechte – anonym mit unseren Lesern teilen? Schreibt uns gerne hier oder per E-Mail: sarah.heuberger@gruenderszene.de


Bild: Getty Images/ suedhang

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