Stadtgeschichte: Münchens neue Lust am Leben

Stadtgeschichte: Münchens neue Lust am Leben

Anfang der Fünfzigerjahre ist der Krieg zwar noch überall in der Stadt sichtbar, aber die Menschen vergnügen sich wieder – in Bierlokalen, Kaffeehäusern, Weinlokalen und Tanzbars. Ein neuer Bildband zeigt, wie es damals zuging.

Von Wolfgang Görl

München in den Fünfzigerjahren: Die Kriegstrümmer sind weggeräumt, doch noch klaffen überall Lücken in den Häuserreihen, noch sind die Wunden sichtbar, die der von den Nazis entfachte Krieg geschlagen hat. Dort, wo vor den Bombenangriffen mehrstöckige Häuser standen, haben die Menschen Baracken oder kleine Läden errichtet, in denen sie ihre Ware anbieten.

Eine von diesen „Winkelboutiquen“ ist die „Milchbar“ am Färbergraben 33, wo es Kaffee, Kuchen und Eis gibt. Der Fotograf Georg Fruhstorfer hat sie seinerzeit abgelichtet: Ein Gartenzaun umrahmt die Tische im Freien, zwei Sonnenschirme sind aufgespannt, ein kleiner Bub schleppt eine schwere Tasche vorbei an einem Mercedes, der vor dem Café steht. Das Schild „Melodie Bar“ lockt Menschen ins Nachbargebäude, Nachtschwärmer, die statt Kaffee und Kuchen lieber Bier, Schnaps und Schampus genießen. Fast alles, was auf dem Foto zu sehen ist, wirkt improvisiert, unvollendet, vorläufig – eben so, wie München Anfang der 1950er Jahre gewesen ist.

Floßfahrt auf der Isar.

(Foto: BSB/Bildarchiv Bayerische Staatsbibliothek)

„Auf dem Weg zur Weltstadt“ heißt der Untertitel des Buchs „München in den 50er und 60er Jahren“, das soeben im Wartberg Verlag erschienen ist. Darin zu sehen sind vorwiegend Fotos des 2003 gestorbenen Journalisten und Fotografen Georg Fruhstorfer, dessen Archiv heute in der Bildsammlung der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt ist. Die Journalistin Heidi Fruhstorfer, die Witwe des Fotografen, hat die einschlägigen Motive aus diesem Fundus ausgewählt, hat einige Bilder der Pressefotografin Felicitas Timpe und des Bildverlags Max Prugger hinzugefügt und daraus ein Kaleidoskop dieser Epoche zusammengestellt sowie die zugehörigen Begleittexte verfasst.

München in den Fünfzigern: Milchbar am Färbergraben

Die Milchbar am Färbergraben.

(Foto: BSB/Bildarchiv Bayerische Staatsbibliothek)

Man kann das Buch als Fortsetzung des 2013 erschienen Bildbandes „Rama dama!“ betrachten, der Fruhstorfers Fotos aus der unmittelbaren Nachkriegszeit enthält. Augenfällig sind dabei die Unterschiede. War das Leben in den ersten Jahren nach Kriegsende noch ein von Not geprägter Daseinskampf in Ruinen, so begann in den Fünfzigerjahren ein wirtschaftlicher Aufschwung, der die Münchner in die Lage versetzte, das gesellschaftliche Leben wieder etwas glamouröser zu gestalten.

Faschingsprinz Maxl Graf und Prinzessin Monika (1963).

(Foto: BSB/Bildarchiv Bayerische Staatsbibliothek)

Sehr gut ist die neue Lust am Leben auf den Bildern zu sehen, die Anfang des Jahrzehnts in den Tanzcafés, Bars und Rock’n’Clubs entstanden. Im Café „Stadt Wien“ an der Bayerstraße spielten Show-Bands, Jazzer und Schlagersänger auf, und selbstverständlich wurde dazu auch getanzt. Der Sound der neuen Zeit war auch in der „Tabu-Bar“ in der Leopoldstraße zu hören, und das Programm des US-Soldatensenders AFN machte Swing und Rock’n‘-Roll auch bei den Münchner Jugendlichen populär. Heide Frustorfer schreibt: „Um das Jahr 1950 zählte man in München 1000 Bierlokale, 240 Kaffeehäuser, 50 Weinlokale und nicht wenige Tanzbars. Außerdem über 50 Vergnügungsstätten, Theater, Varietés, Bauerntheater und Kleinkunstbühnen.“

Bei Kriegsende lebten noch etwa 555 000 Menschen in der zerbombten Stadt, viele Münchner hatten aus Furcht vor den Luftangriffen auf dem Land Unterschlupf gesucht, andere waren gezwungen gewesen, München zu verlassen, weil ihre Wohnung zerstört war. Allmählich kamen diese Menschen zurück.

Modenschau 1956.

(Foto: BSB/Bildarchiv Bayerische Staatsbibliothek)

Aber München hatte auch Glück, weil es in der amerikanischen Zone lag, was viele Unternehmen bewog, ihre Zentrale in die bayerische Landeshauptstadt zu verlegen. Weil es hier Arbeitsplätze gab, weil neue Wohnquartiere entstanden und auch das kulturelle Leben florierte, zogen viele Menschen aus anderen Teilen des Landes an die Isar. 1957 überschritt die Einwohnerzahl die Millionengrenze. Diese Menschen, das ist auf Fruhstorfers Fotos schön zu sehen, füllten die Biergärten und Faschingssäle, und sie säumten die Straßen, als die deutsche Fußballnationalmannschaft, die soeben in Bern Weltmeister geworden war, im Juli 1954 im Triumphzug durch die stellenweise noch immer lädierte Stadt kutschierte.

Als Pressefotograf hatte Fruhstorfer selbstverständlich auch die Aufgabe, Prominente abzulichten. Im Buch ist beispielsweise der junge Sigi Sommer, der als „Blasius der Spaziergänger“ witzige Zeitungskolumnen schrieb, beim Plausch auf einer Treppe des Deutschen Theaters zu sehen, auch den großen Bandleader Max Greger, die Sopranistin Ingeborg Hallstein oder den ehedem von den Nazis verfemten Maler Oskar Kokoschka hat Fruhstorfer fotografiert.

Der „Kohlrabiapostel“ Gusto Gräser.

(Foto: BSB/Bildarchiv Bayerische Staatsbibliothek)

Das vielleicht anrührendste Bild zeigt den alten Gustav „Gusto“ Gräser, wie er in verschlissenen Reformklamotten rauschebärtig und ein wenig skeptisch in die Kamera blickt. Gusto Gräser, geboren 1879 in Kronstadt, Siebenbürgen, war – salopp gesagt – ein Fossil aus der Zeit der Schwabinger Boheme. Er hatte sich zunächst als Maler und Bildhauer versucht und wanderte im Jahr 1900 mit Kutte und Jesuslatschen nach Ascona, wo er auf dem „Monte Verità“ zusammen mit anderen zivilisationskritischen Geistern eine dem einfachen und freizügigen Leben verpflichtete Landkommune gründete.

Wenige Jahre später tauchte er erstmals in München auf, wo er als „Kohlrabiapostel“ mehr belächelt als respektiert wurde. Gräser starb im Herbst 1958. Einige Jahre zuvor hatte er über sich geschrieben: „Über ein halbes Jahrhundert trage ich meinen Grünspecht im Kopf und schaue hinein in den rot, braun, schwarzen Wahnsinn und erlebe 50 Jahre lang, wie das, was man die Menschen heißt, immer toller, verrückter und immer schwärzer und schwärzer wird, wie sie immer schneller zu ihren ,Suppenschüsseln‘ rasen, sich die Brocken vom Munde zu reißen – wie sich der Krampf ihrer Verrücktheit immer höher steigert, so dass ihnen ein paar Weltkriege schon nicht mehr genügen, ihre Verrücktheit auszutoben, – während mein Grünspecht immer noch fidel über Wahnsinnswüsten in seine Wälder fliegt und damit mir selbst und meiner kilometerfressenden Umwelt den Beweis liefert, dass mein Vogel der gesündere ist.“

Heidi Fruhstorfer: München in den 50er und 60er Jahren. Wartberg Verlag, 72 Seiten, 16,90 Euro.

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