Sara Nuru: „Durch die Reise nach Äthiopien habe ich verstanden, worum es im Leben wirklich geht“

Sara Nuru: „Durch die Reise nach Äthiopien habe ich verstanden, worum es im Leben wirklich geht“

ZEITmagazin: Frau Nuru, wann waren Sie das erste Mal in Äthiopien, dem Heimatland Ihrer Eltern?

Sara Nuru: Als ich 14 war, bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern dorthin gereist. Interessanterweise fühlte ich mich in Äthiopien viel fremder, als ich es erwartet hätte. Ich war anders gekleidet, sprach eine andere Sprache, verstand die kulturellen Codes nicht. Ich wurde auf der Reise zum ersten Mal mit meiner Identität konfrontiert: dass ich eigentlich total deutsch bin. Ich merkte, ah, das sind meine Wurzeln, aber ich habe noch gar keinen Bezug dazu.

ZEITmagazin: Hat Sie das zu Hause weiter beschäftigt?

Nuru: Nein. Diese erste Reise war nicht so prägend wie die zweite fünf Jahre später, im September 2009. Kurz nachdem ich Germany’s next Topmodel gewonnen hatte, fragte mich die Hilfsorganisation Menschen für Menschen, ob ich als Botschafterin für sie in Äthiopien aktiv werden möchte. Ich wollte mir vor einer Zusage die Arbeit vor Ort anschauen und hatte dafür ein Zeitfenster von einer Woche. Ich wurde durch diese Reise rausgerissen aus der mir neuen, aufregenden Welt aus Fernsehauftritten, Shootings und schönen Hotels. Das war überhaupt nicht vergleichbar mit meiner ersten Reise, wo wir uns als Familie wie Touristen Sehenswürdigkeiten angeschaut hatten. Hier ging es um Entwicklungshilfe. Ich saß plötzlich in Lehmhütten bei Familien, die kein fließendes Wasser haben und auf dem Boden schlafen. Ich war mit wirklicher Armut konfrontiert. Das war einschneidend.

ZEITmagazin: Was für ein Gefühl löste das aus?

Nuru: Ich habe mich geschämt, wie unwissend ich bin. Und ich wurde mit meinen Privilegien konfrontiert. Dass ich nur Glück hatte, dass meine Eltern den Mut hatten zu fliehen. Sonst hätte mein Leben ja genauso ausschauen können. Das war erst mal schockierend. Und daraus wurde dann so eine Art Demut. Ich hatte so selbstverständlich mein Leben gelebt und habe erst da wirklich begriffen, dass nicht jeder so frei und unbeschwert leben kann.

ZEITmagazin: Hat sich dadurch etwas in Ihrem Leben geändert?

Nuru: Meine Einstellung zu meiner Arbeit. Ich habe durch die Reise verstanden, worum es tatsächlich im Leben geht. Dass mein Glück nicht davon abhängt, ob ich auf einem Cover bin oder über den roten Teppich laufe. Ich bin damals direkt von Äthiopien nach New York zur Fashion Week geflogen, zum allerersten Mal. Ich sollte mich dort unter anderem bei einer Modelagentur vorstellen. Mir wurden dort meine Maße abgenommen, und als der Agent hörte, dass mein Hüftumfang 94 Zentimeter beträgt, war er außer sich: was mir einfalle, mit diesem Hüftumfang vor ihm zu stehen, und dass ich erst wiederkommen soll, wenn ich bei maximal 90 Zentimetern bin. Normalerweise hätte ich das persönlich genommen und mich vielleicht die nächsten Wochen runtergehungert, um diesem Bild zu entsprechen. Aber ich habe in dem Moment verstanden, dass nicht ich das Problem bin, sondern dieses System.

ZEITmagazin: Hatte diese Erkenntnis Konsequenzen?

Nuru: Nicht sofort. Ich habe weiter funktioniert, hatte aber immer das Gefühl: Es ist so belanglos. Was ist eigentlich meine Daseinsberechtigung, was ist mein Beitrag? Und das kippte endgültig 2013, als ich für eine Fernsehsendung den teuersten Eisbecher der Welt probieren sollte. Der kostete 1.000 Euro, war mit Blattgold versehen, und als ich dabei in die Kamera schaute, kam ich mir so blöd vor. Danach nahm ich mir eine Auszeit, in der ich mich von allem getrennt habe. Meinem damaligen Partner, meiner Agentur, meinen Verträgen. Ich wusste gar nicht mehr, wer ich bin, wofür ich stehe, was ich will.

ZEITmagazin: Heute importieren Sie zusammen mit Ihrer Schwester Kaffee aus Äthiopien.

Nuru: In der Auszeit schenkte mir ein Freund ein Buch: Start Something That Matters. Da geht es um Social Business, darum, wie man durch wirtschaftliches Handeln Gutes tun kann. Ich habe mich immer mehr mit dem Thema auseinandergesetzt, zusammen mit meiner Schwester. Nach vielen Überlegungen haben wir uns entschieden, Kaffee zu importieren. Wir hatten überhaupt kein Vorwissen, wie Importe oder Kaffeehandel funktionieren, und wir mussten drei- oder viermal in die Kaffeeregion reisen, bis wir alles einigermaßen verstanden hatten. Wir wollten unseren Kaffee von Bauernkooperativen beziehen, und wir wollten, dass alle entlang der Lieferkette gut bezahlt werden und davon profitieren, wir auch, das ist ja das Prinzip des Social Business. Es war nicht einfach. Von der Idee bis zur ersten Packung hat es drei Jahre gedauert.

ZEITmagazin: Haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht haben?

Nuru: Ja. Als Model war ich es gewohnt, dass andere Leute sich das Produkt ausgedacht haben und die Strategie, es zu vermarkten, und ich erst ganz am Ende etwas ausführe. Ich konnte mich nie einbringen, geschweige denn entscheiden. Ich habe gemerkt, dass ich gern Verantwortung trage. Ich bin nicht nur das Gesicht, sondern stehe auch dahinter. Das ist total schön.

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