Nestlé wächst kräftig

Nestlé wächst kräftig

Der Umbau des Nahrungsmittelherstellers verläuft holpriger, als sich das die Investoren vorgestellt haben. Die Aktie verspricht eine solide Dividende und befriedigt auch die Spekulationsfreude. 

Der Hauptsitz von Nestlé in Vevey.

Der Hauptsitz von Nestlé in Vevey. 

Gaëtan Bally / Keystone

Wahrscheinlich geniesst kein Chef einer Schweizer Firma bei den Investoren so viel Vertrauen wie der Nestlé-CEO Mark Schneider. Aber die Erwartungen an ihn sind so hoch, dass es bei den Geschäftszahlen nicht den kleinsten Schönheitsfehler verträgt. Nestlés Resultat 2019 war zwar gut, allerdings enthielt es einen kleinen Makel. Und prompt sank der Aktienkurs um 2,2%, was bei einem Unternehmen in der Grösse von Nestlé einer Erschütterung gleichkommt. Die Gesellschaft hat 2019 aus eigener Kraft die Verkäufe um 3,5% gesteigert, und die Umsatzrendite von 17,6% war gar einen Hauch besser, als Schneider in Aussicht gestellt hatte. Doch der Manager, der seit drei Jahren die Firma führt, hatte eben auch versprochen, dass der Umsatz ab 2020 um 4 bis 6% pro Jahr steigen werde; nun will er dieses Ziel ein oder zwei Jahre später erreichen. Diese Verzögerung reichte, dass der Kurs unter Druck geriet.



Palette muss trendiger werden

Kein anderes Unternehmen des SMI befindet sich derzeit so im Wandel wie Nestlé, Europas am höchsten bewertete Gesellschaft. Tiefkühlprodukte, Würste und Süsswaren in der Form von Zuckerbomben haben wirtschaftlich keine grosse Zukunft mehr; das Sortiment von Nestlé muss trendiger werden, um bei den Konsumenten anzukommen. Schneider hat aus diesem Grund in den vergangenen drei Jahren 50 Transaktionen getätigt, wobei die Verkäufe zu seinem Bedauern jüngst zahlreicher waren als die Akquisitionen. Das soll sich ändern. «Nestlé soll grösser werden, nicht kleiner», sagt er.

Der Umbau des Giganten verläuft aber offenbar nicht wie nach Drehbuch, sondern ein wenig holprig. Hier unterlagen Schneider und die Investoren einem Irrtum. Bei Firmentransaktionen kann es zu Verzögerungen kommen, und Nestlé ist derart gross, dass es immer wieder Bereiche gibt, die harzen. Derzeit ist das beispielsweise bei der chinesischen Marke Yinlu der Fall, die unter anderem Erdnussmilch produziert. Nestlé musste bei dieser Einheit einen Abschreiber vornehmen, und es würde nicht überraschen, wenn sie verkauft würde. Etwas einfallen lassen muss sich das Management auch für die Wassersparte. Und schliesslich schlägt auch im Nahrungsmittelgeschäft längst nicht jede Innovation ein. In Grossbritannien hatte Nestlé eine Schokolade (Milkybar Wowsomes) auf den Markt gebracht, die weniger Zucker enthielt, aber angeblich gleich süss schmeckte wie das Ursprungsprodukt. Bei den Konsumenten kam das Erzeugnis nicht an, so dass es Nestlé wieder vom Markt nahm.

Viele Hoffnungen ruhen dagegen auf den grossen Ertragsbringern Kaffee und Tiernahrung, mit denen Nestlé Margen über 21% erzielt. Euphorisch äussert sich Schneider auch zu den Aussichten von Produkten, die aussehen wie Fleisch (Hamburger, Geschnetzeltes), aber aus den Proteinlieferanten Erbsen, Soja oder Weizen gefertigt sind. Mit solchen Erzeugnissen erzielt Nestlé zwar erst einen Umsatz von 200 Mio. Fr., Schneider hält Fleischersatzprodukte auf Pflanzenbasis aber für eine Geschäftschance, wie sie in jeder Generation nur einmal vorkommt.



Viel Cash für die Aktionäre

Für Aktionäre ist die Nestlé-Aktie ein Papier, das mindestens eine stabile Dividende verspricht, aber aufgrund des grossangelegten Umbaus der Angebotspalette auch ein wenig die Spekulationsfreude befriedigt. Für das Geschäftsjahr 2019 soll die Dividende um 10% auf Fr. 2.70 je Titel erhöht werden, was einer Rendite von 2,6% entspricht. Wenn man zur Dividende noch die Aktienrückkäufe rechnet, schüttet Nestlé derzeit mehr Geld an die Anteilseigner aus, als die Firma an freiem Cashflow erwirtschaftet (16,9 Mrd. Fr. zu 11,9 Mrd. Fr.). Weil das Unternehmen jedoch 2019 mehr Verkäufe als Akquisitionen tätigte, kann es sich das leisten. In den nächsten drei Jahren will der Verwaltungsrat nochmals eigene Titel im Umfang von 20 Mrd. Fr. erwerben. Selbstverständlich würde dieser Betrag geringer ausfallen, wenn sich die Nestlé-Führung für eine grosse Akquisition entschiede.

Eine solche Transaktion zählt allerdings nicht zu Schneiders Präferenzen. Lieber erwirbt er kleine und mittelgrosse Firmen, die sich leichter ins Nestlé-Reich integrieren lassen. Die Strategie, mittels Akquisitionen den Giganten zu verwandeln, muss aber aufgehen, sonst ist der hohe Kurs des Titels nicht gerechtfertigt. Immerhin ist die Aktie rund 40% höher bewertet als im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte. Nestlé braucht eine zeitgemässere Produktepalette, ohne Risiken ist der Umbau aber nicht zu haben.

In der Ära Schneider sind die Nestlé-Aktien durchgestartet

Indexiert, 3. 1. 2017 = 100

2018202080100120140160180

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