Mer de Glace: Zimmer mit Eismeerblick

Mer de Glace: Zimmer mit Eismeerblick

Die rote Zahnradbahn hat gerade ruckelnd den Arvenwald durchquert, da macht das kleine Mädchen neben mir ein Geräusch: halb Staunen, halb Seufzen. Wir sehen Berge, die wie Scherben in den Himmel schneiden. Und den breiten Gletscher, der sich um die Gipfel windet wie ein Fluss aus Schutt und Eis.

In der Bahn, die schon ein Jahrhundert lang Touristen von Chamonix zum Mer de Glace fährt, einem der großen Gletscher Europas, und die gerade noch erfüllt war von Wortfetzen aus Englisch, Französisch, Deutsch und Koreanisch, wird es für einen Augenblick still. Wir halten, und dann erst bemerke ich: Ach, da wohnen wir ja! Das Hotel mit den roten Fensterläden thront auf 1913 Meter Höhe so nah am Abhang, als wolle es selbst den Ausblick genießen.

Als der strenge Bau vor fast 150 Jahren als Grand Hotel errichtet wurde, hatte hier schon eine frühe Form von Alpentourismus begonnen. 1741 hatte der Brite William Windham den Gletscher getauft, später kamen Wissenschaftler, dann Adelige und Intellektuelle: Goethe, Mary Shelley und Lord Byron, Victor Hugo. Auch das Grand Hotel war lange beliebt bei illustren Reisenden; später erinnerte an die große Zeit vor allem noch ein kleines Museum im Obergeschoss. Dann nahm sich die Familie Sibuet, die gerne ungewöhnliche Orte stilvoll restauriert, des alten, inzwischen etwas heruntergekommenen Baus an. Seit 2017 hat das Hotel nun wieder Format, auch wenn es jetzt bescheidener Refuge du Montenvers heißt. Der Name soll an die Anfänge des Ortes erinnern: an die schlichte Schutzhütte, die 1795 auf demselben Fels errichtet worden war – mit der die Ausstattung des Hotels aber natürlich kaum etwas gemein hat.

Entlang der Treppe, die wunderbar knarzt, hängen Schwarz-Weiß-Fotografien aus anderthalb Jahrhunderten: Damen in Reifrock am Gletscher, Sänften, die über Stein bugsiert werden. Dabei wirkt das Hotel trotz seiner Geschichte leicht und unverstaubt. Neu sind ein Sonnendeck und der verglaste Speisesaal. Wo keine Fenster den Blick nach draußen lenken, fällt sanftes Licht auf altes Holz, Filz und Leder.

Auf der Terrasse sitzen Hotelgäste und Tagestouristen unter weißen Sonnenschirmen, es gibt Kaffee und hausgemachten Kuchen auf Holzbrettchen. Im Winter ist Chamonix ein beliebter Skiort, aber mindestens genauso schön ist es im Herbst, wenn die Blätter das Tal orange färben. Dann sieht man von der Hotelterrasse gut, dass am sieben Kilometer langen Eismeer Ebbe herrscht: Die Gletscherzunge ist nur noch in der Ferne erkennbar, während sie sich früher direkt am Hotel vorbei gen Tal zog wie ein breiter Fluss.

Um 17 Uhr fahren die meisten mit der letzten Bahn zurück ins Tal, nur Hotelgäste dürfen oben bleiben. Nun wird es ruhig auf der Terrasse und dem Sonnendeck. Während ich auf einem Liegestuhl in der Abendsonne sitze, klappern die Wanderstöcke der letzten Nachzügler an mir vorbei ins Tal. Für das wohlige Gefühl, körperlich aktiven Menschen die eigene Faulheit entgegenzusetzen, fehlt im Bergjargon noch ein Wort.

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