Kulturhauptstadt 2020 Rijeka – wo der Punk nach Osteuropa kam

Kulturhauptstadt 2020 Rijeka – wo der Punk nach Osteuropa kam

Nicht nur die KuK-Monarchie hat Rijeka geprägt – heute kroatisch, gehörte die Hafenstadt an der Kvarner Bucht seit 1900 zu sieben verschiedenen Staaten. Die Bewohner sind besonders stolz auf ihre Weltoffenheit.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Haris Barkovic schaufelt schwarz-glänzende Miesmuscheln aus einem großen Bottich in die Einkaufstüte eines Kunden. Neben den Miesmuscheln liegen pedantisch aufgereihte Calamari und ein Haufen orangefarbener Scampi, deren schwarze Augen das Markttreiben aufmerksam zu beobachten scheinen. Hier auf dem Fischmarkt, einem kleinen Gebäude aus der KuK-Zeit, sei der Magen der Stadt, sagt Barkovic verschmitzt: 

„Jeder, der Rijeka besucht, kommt auch hier vorbei. Man weiß, dass die Markthalle ein Treffpunkt ist. Hier trifft man sich auf einen Kaffee, zum Plausch, liest Zeitung, kauft Fisch. Hier gibt es alles an einem Ort: Fisch, Grünzeug, Fleisch.“

Umbrüche in der Architektur verewigt

Rijeka ist die drittgrößte Stadt Kroatiens, gelegen an der Kvarner Bucht. Alleine im 20. Jahrhundert gehörte die Stadt zu sieben verschiedenen Staaten: vom Habsburger Reich über Italien und Jugoslawien bis zur heutigen Republik Kroatien.

Und diese Umbrüche haben tiefe Spuren im Stadtbild hinterlassen. Sozialistische Plattenbauten, typische KuK-Jugendstilpaläste und Industriecharme haben sich im Stadtbild verewigt. Auf dem Marktplatz dominieren architektonische Einflüsse aus der Zeit der KuK-Monarchie. Die ersten Pavillons stammen aus den 1880er Jahren, das Gebäude des Fischmarktes kam Anfang des 20. Jahrhunderts dazu.

Einst geteilt wie Berlin

Besonders gut zu sehen ist das beim Hotel Imperial, sagt Journalist und Stadtbiograph Velid Dekić. Hier verlief von 1924 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine meterhohe Mauer, die Rijeka – ähnlich wie Berlin, in zwei Teile trennte. Ein Teil gehörte zu Italien, der andere zum damaligen Königreich Jugoslawien. Heute markiert eine rote Linie den ehemaligen Verlauf der Mauer. Sie führt zu einem Platz, der nach dem Abriss der Mauer 1946, zur Begegnungsstätte vor allem für junge Menschen geworden ist.

Hier seien etliche Liebschaften und auch Ehen entstanden, aber auch diverse Rockbands, erzählt Dekić. „Meine Generation hat hier die Punkbewegung entdeckt. Die Band Paraf aus Rijeka ist hier im Sommer 1977 zum ersten Mal aufgetreten. Das war ein unangekündigter, kurzer Auftritt und das ist der erste Punkmoment auf dem sozialistischen Teil des Kontinents. Paraf ist die erste Punkband Osteuropas.“

Bewohner sehen Jahr gelassen entgegen

Insgesamt hat sich hier wenig verändert. Dass Rijeka europäische Kulturhauptstadt geworden ist, sorgt hier bei den Verkäufern nicht gerade für Aufregung. Kunden kommen ohnehin und Fisch wird es auch im nächsten Jahr geben – wie eh und je, sagt Fischverkäuferin Marina Savic, während sie die Tentakel eines Oktopusses auf ihrer Auslage drapiert: „Wir erwarten nicht so viel. Die Stadt vielleicht ja, aber wir nicht. Bei uns ist jeder Tag wie der andere: normal.“ 

Der Fischmarkt mündet im sogenannten Korso, der zentralen Flaniermeile der Stadt. Ein älterer Herr mit Schlapphut sorgt mit seiner E-Gitarre für den passenden Soundtrack, während Touristen und Einheimische auf den glatt polierten Pflastersteinen des Korsos am ockerfarbenen Uhrturm vorbeischlendern – einem der Wahrzeichen der Stadt.

Hier auf dem Korso hat die Stadt Rijeka eine kubistisch anmutende Skulptur aufgestellt, die einem den Weg zu einer alten Fabrikhalle am sogenannten toten Kanal weist. Man muss ein bisschen suchen, doch dann findet man das Organisationsteam des Kulturhauptstadtjahres hinter einer schweren Eisentür.

Multikulti sorgt für Stolz

Die Stimmung im Inneren erinnert an ein Internet-Startup. Die Teams sitzen in Großraumbüros mit Industriecharme, jemand hat gerade Pizza bestellt und der Bürohund ist erst mal skeptisch. Irena Kregar Segota ist Kulturmanagerin und Kommunikationschefin des Events. Sie ist von Anfang an dabei und hat schon an den ersten Bewerbungsschreiben für das Kulturhauptstadtjahr mitgearbeitet:

„Rijeka ist eine Stadt mit vielschichtigen Identitäten, die ein neues Profil für sich sucht und einen neuen Platz für sich auf der europäischen Karte. Uns ist es gelungen, eine Geschichte anzubieten, die dem Gremium gefallen hat, das Rijeka ausgesucht hat. Die Geschichte war deshalb so interessant, weil sie die Stadt präsentiert und auch Kroatien, aber gleichzeitig auch mit europäischen Werten zusammenhängt. Wir haben also eine Geschichte angeboten, die auf europäischer Ebene von Interesse ist, und ich würde sagen auch darüber hinaus.“

Das Leitmotiv des Hauptstadtjahres heißt „Luka različitosti“, also Hafen der Vielfalt. Es soll zwei besonders markante Eigenschaften der Stadt herausstreichen: zum einen den Hafen, um den sich das Stadtleben dreht und zum anderen den multikulturellen Charakter der Stadt, auf den Viele in Rijeka sehr stolz sind.

Und auch das Programm für dieses Jahr ist sehr vielfältig. Es umfasst über 600 Programmpunkte – von einer großen Gustav-Klimt-Ausstellung über kulinarische Events bis zu einem Auftritt der Band Compressorhead, die nur aus Robotern besteht, ist alles dabei. „Der Slogan ‚Hafen der Vielfalt‘ ist nicht nur etwas, womit wir uns rühmen“, sagt Kregar Segota. „Wir wollten auch testen und die Frage stellen, inwiefern Rijeka, Kroatien und Europa überhaupt bereit sind, Vielfalt zuzulassen.“  

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Januar 2020 um 15:00 Uhr.

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