In New York verliere ich den Kampf gegen Plastik jeden Morgen

In New York verliere ich den Kampf gegen Plastik jeden Morgen

An einem Sonntag in New York fühlte ich mich mal wieder sehr machtlos. Meine Freundin Laura und ich hatten uns zum Brunch in einem veganen Café in Bushwick getroffen, wo man einen Breakfast Burrito mit Kichererbsen-Rührei und hausgemachte Nussmilch für Zuhause bestellen kann. Laura fragte nach einem Shake aus Cashews und Bananen. „Kann ich den in einem normalen Glas bekommen?“, fragte sie die Bedienung. Klar, hieß es. 15 Minuten später stand er vor ihr. Natürlich im Plastikbecher. Natürlich mit Plastik-Strohhalm.

Wir schauten uns an mit Blicken, die Frustration, Ungläubigkeit, und auch ein wenig Wut ausdrückten. Den persönlichen, zwar kleinen aber für uns nicht minder wichtigen Kampf gegen die Plastikherrschaft, die diese Stadt und dieses Land im Griff hat, hatten wir schon beim Frühstück verloren.

Als ich noch in Deutschland lebte, dachte ich immer, mein Plastikverbrauch sei ziemlich durchschnittlich: Weder besonders verschwenderisch, aber auch nicht besonders achtsam. Ich brachte Stoffbeutel zum Supermarkt mit, entsorgte meine Kunststoffe brav in den gelben Sack und meinen Kaffee trank ich zu Hause aus Keramiktassen. Doch mein Sommereis aß ich am liebsten aus dem Becher, ich wickelte Käse in Plastikfolie ein und kaufte den bereits gewaschenen Salat in Tüten. Ehrlich gesagt, machte ich mir wenig Gedanken.

Wie ein Magnet klebt Plastik an allen Gewohnheiten

Das änderte sich, als ich im vergangenen Jahr nach New York ging, um mit meinem amerikanischen Freund zusammenzuleben. Die meisten Menschen hier, das merkte ich schnell, führen ein Leben, in dem Kunststoffe nicht nur das kaum vermeidbare Nebenprodukt des modernen Konsumverhaltens sind, das sich mit ein wenig Planung zumindest reduzieren lässt. Plastik drängt sich auf. Der To-Go-Becher wird mir in die Hand gedrückt, obwohl ich meinen Kaffee „to stay“ bestelle. Wie ein Magnet klebt Plastik an individuellen Gewohnheiten, Ritualen, Anlässen und Pflichten, ein unzerstörbarer und sehr billiger Assistent, der Alltagsabläufe beschleunigen und umständliche Prozesse vereinfachen soll.

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Nichts ist normaler als Menschen, die mit Laptops in Coffee Shops sitzen und ihren Latte oder „Iced Coffee“ aus To-Go-Bechern trinken. In sogenannten „Bodegas“, dem New Yorker Pendant zum Späti, packen Verkäufer automatisch auch nur ein Glas Tomatensoße in eine Plastiktüte und in Supermärkten halten sie pro Einkaufsladung gleich zwei ineinander gesteckte Tüten bereit, hält ja besser. Vor einer Woche saß ich in dem Restaurant eines Weinguts in Upstate New York, das Lachsfilet für 22 Dollar verkaufte und dazu in Servietten eingewickeltes Plastikbesteck reichte.

Wird irgendwo draußen getrunken, zum Beispiel in Biergärten oder Strandbars, wird jeder Drink in Plastikbechern serviert. Während einer Happy Hour im Sommer beobachtete ich eine Gruppe Menschen, die im Außenbereich einer Bar mit „Jello Shots“, Wackelpudding mit Schnaps anstoßen. Auch der steckte in kleinen Plastikbehältern. Es versteht sich von selbst, dass sich Massen von dem Zeug später auf den Gehwegen und Straßen der Stadt wiederfinden.

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Nehmt Euch Tüten, gerne mehrere übereinander

Quelle: Silvia Ihring

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Jedem Dip sein Schälchen

Quelle: Silvia IHring

Die Dimension des Problems erschien mir umso krasser, als ich mich doch in New York befand, dieser progressivsten aller Großstädte, wo vor ein paar Wochen Zehntausende Demonstranten Greta Thurnberg zujubelten. Doch dieser Widerspruch löst sich auf wenn man sich anschaut, welche Werte den Erfinder- und Unternehmergeist der Amerikaner anfeuern.

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Die Menschen in den USA und vor allem in New York, mögen es schnell, praktisch und effizient. Mein Freund hat inzwischen verstanden, dass ich meinen Wochenend-Bagel vom Café um die Ecke auch gerne mal im Sitzen essen möchte. Selbst wenn New Yorker im Coffee Shop verweilen, wollen sie das Gefühl haben, sie könnten jederzeit zum nächsten Termin rasen, als wäre der To-Go-Becher der statusträchtige Beweis dafür, dass man ja so wahnsinnig beschäftigt ist. „Viele Coffee Shops servieren nicht mal wiederverwendbare Tassen, daran haben sich die New Yorker gewöhnt. Sie lieben ihre To-Go-Becher“, sagte mir in einem Interview die New Yorker Food-Unternehmerin Kerry Diamond, die in Brooklyn ein umweltfreundliches Café führte, das im vergangenen Sommer schließen musste.

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Becher, Becher, Becher!

Quelle: Silvia Ihring

Wer weniger Plastik fordert, ruft in den USA nach einem tiefgreifenden Kulturwandel, der das Selbstverständnis einer ganzen Gesellschaft herausfordert. 1955 bejubelte das „Life“ Magazin in einem Artikel den Aufstieg des „Throwaway Living“, die Wegwerf-Mentalität einer Ära, in der Plastikgeschirr Fortschritt und Befreiung von zeitfressenden Hausarbeiten symbolisierte. Auf dem Foto zu dem Artikel sieht man eine junge Familie, die beseelt Styroporbehälter, Plastikgabeln und Becher in die Luft wirft. Heute verstört das Foto fast ebenso sehr wie Bilder von Plastikberge, die in den Mägen von toten Walen gefunden werden.

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Doch das Versprechen des „Throwaway Living“ verführt weiterhin zum Beispiel die Eltern meines Freundes, auch Zuhause Wasser und Pepsi Light aus Halbliter-Plastikflaschen zu trinken. Mit solchen Eindrücken im Kopf verzweifle ich ein wenig bei dem Gedanken, wie man eine Gesellschaft, nicht nur in Amerika aber weltweit, dazu bringen soll, ihre Gewohnheiten zu verändern. Zumal diese längst politisch aufgeladen sind: Die Diskussion um die Verbote von Plastik-Strohhälmen in den USA inspirierte die Marketing-Experten hinter der Kampagne zur Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump, Strohhälme mit seinem Logo zu verkaufen. 

Natürlich ist mangelndes Bewusstsein nicht nur ein amerikanisches Problem. In meinen Augen ist es aber zunehmend eines, das hier nur durch staatliche Eingriffe ernsthaft eingedämmt werden kann. In mehreren Staaten wie Kalifornien, Hawaii, Maine oder Vermont haben lokale Regierungen unterschiedliche Gesetze erlassen, die den Einsatz von Plastiktüten entweder verbieten oder regulieren. In San Francisco sind Strohhälme aus Plastik inzwischen verboten, Plastikdeckel zum Kaffee bekommt man oft erst auf Nachfrage. In New York soll die Herausgabe von Plastiktüten ab März 2020 verboten werden.

Immer öfter begegnen mir junge Menschen in der Stadt mit wiederverwendbaren To-Go-Bechern. Sie signalisieren damit Bewusstsein für ein Problem, das auch ich manchmal zugunsten meiner eigenen Bequemlichkeit ausblende. Im letzten Sommer trank ich mit meinem Freund ein Bier in einem Biergarten, natürlich aus Plastikbechern. Als ich für die zweite Runde zurück an die Bar ging erinnerte mich der Barkeeper freundlich daran, ob ich beim nächsten Mal die alten Becher mitbringen würde. Dann könne er diese für uns wieder auffüllen. Ich fühlte mich ertappt, beschämt – und doch ein wenig erleichtert. Immerhin einer von uns beiden hatte mitgedacht.

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