Hochwasser: Eine Tragödie im Zeitlupentempo

Hochwasser: Eine Tragödie im Zeitlupentempo

Meine erste Begegnung mit Venedig reicht in die Siebzigerjahre zurück, damals war ich zehn Jahre alt. Meine Familie und ich fuhren mit dem Nachtzug von Mailand nach Wien. Am Abend hielt der Zug für ein paar Stunden in Venedig. Meine Mutter nutzte die Zeit, um mit mir durch die damals noch menschenleeren Gassen bis zum Markusplatz zu spazieren. Diesen ersten Anblick habe ich bis heute nicht vergessen. Vielleicht fahre ich deshalb am liebsten mit dem Zug nach Wien und richte es so ein, dass ich jedes Mal ein paar Stunden Aufenthalt in Venedig habe, um durch die Stadt zu laufen und mit meiner Freundin Giulia einen Kaffee zu trinken.

So war es auch an diesem Montag. Als ich am Bahnhof in Venedig eintraf, schien die Stadt wieder zu
einer gewissen Novembernormalität zurückgefunden zu haben. Auf dem Weg zu meiner Freundin Giulia sah ich zwar noch Touristen mit bunten Gummistiefeln, Klempner und Elektriker in Geschäften, und das Wasser schwappte natürlich weiter knapp unter den Ufern hin und
her, aber der Ausnahmezustand war beendet. Zu Erinnerung: Dreimal ist in der vergangenen Woche das Wasser so hoch gestiegen, dass alles, was sich auf Straßenebene befand, überschwemmt wurde. Das Wasser hat sich seinen Weg bis
tief in den Markusdom gebahnt und drang diesmal sogar bis in die Krypta hinunter.

Meine Freundin Giulia wohnt nicht weit vom Bahnhof, in einer kleinen Wohnung im 3. Stock eines historischen Palazzos. Schäden hat sie keine zu beklagen, trotzdem ist sie ziemlich aufgebracht. „Sicher, der Klimawandel ist an diesem Desaster schuld. Aber nicht allein. Schau dir doch mal an, was aus dieser Stadt geworden ist. In jedem noch so winzigen Loch wurde ein Geschäft aufgemacht, ohne jegliche Vorsorge, als hätte es das Hochwasser von 1966 nie gegeben. Aber was soll man machen? Wenn das Geld winkt, schaltet das Hirn aus.“ Wahrscheinlich hat sie Recht. Ich erzähle ihr vom Titelblatt einer österreichischen Boulevardzeitung, darauf las man „Angst um unser Venedig“. „Von wegen ‚unser‘!“, lacht sie. Man brauche sich nur die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die hier anlegen, ansehen. Die wird es weiter geben, solange es Touristen und Touristinnen aus dem Ausland gibt, die dafür bezahlen, den Markusplatz aus zig Meter Höhe von der Reling eines Schiffes zu sehen. „Unser“ sei in diesem Fall also ein sehr absurder Begriff, denn verantwortlich scheint sich für die Stadt, trotz der erschütternden Hochwasserszenen, niemand zu fühlen.

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Caféstühle als Wellenbrecher auf dem Markusplatz: Zum dritten Mal innerhalb weniger Tage stieg der Pegel über 1,50 Meter.
© Awakening/​Getty Images
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Anderswo in der Stadt steht das Wasser nicht viel höher als ein doppelter Espresso in der Tasse. Da kann man zwischen zwei Sehenswürdigkeiten schon mal Pause im Sitzen machen.
© Independent Photo Agency Int./​imago images
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Stille Wasser, knietief: Nach der dritten Flutwelle wurde der Markusplatz am Sonntag sicherheitshalber wieder gesperrt.
© Independent Photo Agency Int./​imago images
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Eine mobile Brücke soll es Einheimischen und Touristen ermöglichen, den Platz trotz „acqua alta“ zu überqueren.
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Mit Plastikhüllen über den Schuhen geht es vorsichtig über den Behelfssteg.
© Filippo Monteforte/​AFP/​Getty Images
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Ein Wetter, bei dem man seinen Hund vor die Tür trägt. Hinter den schweren Regenfällen und dem starken Wind, die gemeinsam für die Überschwemmung verantwortlich sind, vermutet nicht nur Venedigs Bürgermeister die Auswirkungen des Klimawandels.
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Panini, Pizza, Spritz: Das Licht brennt, das kleine Restaurant hat trotz Überschwemmung geöffnet.
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Durch einen Schlauch wird Wasser aus einem überschwemmten Gebäude auf die Straße gepumpt.
© Filippo Monteforte/​AFP/​Getty Images
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Die Menschen in den Straßen von Venedig tragen Gummistiefel, Botticellis Venus eine Taucherbrille.

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In Museen und anderen Gebäuden werden wertvolle Gegenstände wie diese Musikinstrumente in höhere Etagen gebracht, um sie vor dem Wasser zu schützen. Gebundene Bücher stehen hochkant und aufgefächert, um besser zu trocknen.
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Gäste dieses Hotels können das Gebäude trockenen Fußes über eine Brücke verlassen – aber was dann?
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Wer in diesem Hotel in Venedigs Altstadt wohnt, muss durch den Korridor zu seinem Zimmer waten. Bürgermeister Luigi Brugnaro bat um Geldspenden aus dem Ausland, damit Venedig „neu erstrahlen“ könne.
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Bleibt die Frage: Ist eine Brücke noch eine Brücke, wenn sie selbst im Wasser endet?
© Sergio Agazzi/​Fotogramma/​imago images

Seit Jahren diskutiert die italienische Politik, ob man die Kreuzfahrtschiffe aus der Stadt verbannen sollte oder nicht. Jahrelang hat man auch darüber debattiert, wie man Venedig und seine Bewohner und Bewohnerinnen vor dem Hochwasser schützt. Gleich nach dem Hochwasser von 1966 hieß es, man dürfe keine Zeit mehr verlieren, es müsse sofort gehandelt werden. Es dauerte 20 Jahre, bevor ein Projekt für ein mobiles Dammsystem bewilligt wurde, und weitere 17 Jahre verstrichen, bis 2003 der erste Stein gelegt war. Doch auch danach gingen die Arbeiten des Großprojekts MOSE (das Kürzel steht für Modulo sperimentale elettromeccanico) nicht zügig voran. Bürokratische Hürden, Korruptionsskandale in Millionenhöhe und technische Engpässe haben dazu geführt, dass das Projekt nach jetzigem Stand der Dinge am 31. Dezember 2021 fertig sein soll und am 30. Juni 2022 in Funktion treten wird. Dafür hat das MOSE-Projekt bis jetzt 5,5 Milliarden Euro verschlugen und einige Hundert Millionen mehr werden weiter benötigt, um es fertigzustellen. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob ein Dammsystem, das vor 20 Jahren entworfen wurde, dem jetzigen Klimawandel überhaupt noch standhalten kann. Etliche Experten äußern hierzu ihre Bedenken.

Das Hochwasser ist nicht das einzige Problem, mit dem Venedig zu kämpfen hat. Was in den Stunden in Venedig, im Gespräch mit Freundinnen und Experten, auffällt, ist, dass die Herausforderungen seit Jahren nicht ernst genommen werden. Dass eine Fehlentscheidung nach der anderen getroffen und nur wenig darüber nachgedacht wurde, was echte Maßnahmen für ein Venedig der Zukunft sein müssten. Vielleicht hilft es aber gerade in diesen Tagen, alle Fehlentscheidungen noch einmal aufzuzählen und sich ins Gedächtnis zu rufen, bevor es weitergehen kann. Städte und Menschen lernen ja oft nur im Härtefall.

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