Großbritannien: Beats statt Brexit

Großbritannien: Beats statt Brexit

Am 23. Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU. Mehr als dreieinhalb Jahre später ist der Brexit immer noch ungeklärt. Wie blicken die Britinnen und Briten auf Jahre des Streits, der Kontroversen und eine Zukunft außerhalb der EU? Unsere Reporterin Rieke Havertz ist vor dem Austritt im Land unterwegs.

Distanz ist nicht Steve Arnotts Ding. Auch Fremde umarmt er, wenn er sie zum ersten Mal trifft. Es ist eine umarmende Umarmung, Arnott ist ein großer Mann, die Schultern breit, der Bauch füllig, das Lachen offen. Seine Stiefel sind nicht geschnürt, aus den Ärmeln und dem Kragen der Jacke gucken die Ausläufer von Tattoos hervor, über dem Bauch baumelt eine große Kette aus Holz, „Zulu Nation“ ist auf ihr eingeschnitzt, Arnott trägt sie jeden Tag. Es ist ein Geschenk der berühmten gleichnamigen Hip-Hop-Organisation. Und Hip-Hop, das ist Arnotts Ding.

Der ehemalige Lagerhausarbeiter hat im britischen Kingston Upon Hull, kurz Hull, ein Hip-Hop-Projekt für Schulkinder gestartet. Durch einen Dokumentarfilm des Filmemachers Sean McAllister wurden Arnott und sein Beats Bus, mit dem er Musik zu den Kindern bringt, im vergangenen Jahr über die Hafenstadt hinaus bekannt. Immer mehr Leute unterstützten das Projekt finanziell, sodass Arnott und drei weitere Mitarbeiter Vollzeit mit den Kindern in Hull Beats gegen schlechte Stimmung produzieren können.

David Okwesia (links) und Steve Arnott: Niemand erwartet hier viel von der Politik.
© Rieke Havertz für ZEIT ONLINE

Begonnen hat Steve Arnotts Vision 2017, als Hull City of Culture war, ein Titel, den in England alle vier Jahre eine Stadt verliehen bekommt. Schon damals hatte Arnott für eine Gemeindeorganisation Hip-Hop-Workshops gegeben, aber es kamen nicht viele Kinder aus den ärmeren Vierteln Hulls. „Die Eltern haben schlicht kein Geld, um ihre Kinder ins Zentrum zu schicken“, sagt Arnott, als er sich auf das abgewetzte Sofa in dem kleinen Studio setzt, das er und sein Team neben dem Bus mittlerweile auch haben. Auch für das Studio ist Arnott eigentlich zu groß, das Sofa, der Computer mit Mischpult, der elektrische Heizlüfter, Farbdosen für die Graffitiworkshops und eine kleine Spüle drängen sich in dem Hinterraum eines Secondhandladens – viel mehr Platz ist nicht.

Wenn die Kinder nicht zu ihm kommen können, warum dann nicht zu ihnen gehen? Das war die simple Idee. Also bewarb Arnott sich um einen der freiwilligen Jobs, um das City-of-Culture-Programm zu unterstützen. Er bekam ihn, lehnte alle Projekte, die die Stadt im vorschlug, ab und präsentierte seine Hip-Hop-Idee. „Und manchmal hat man einfach Glück“, sagt Arnott und lacht wieder. Der 43-Jährige lacht viel, sanft dieses Mal, leise. Sein damaliger Arbeitgeber war Sponsor des Kulturprogramms, sie hatten einen ausrangierten Bus und Arnott damit drei Monate lang seinen Beats Bus auf den Straßen. Nah dran an den Kindern, nicht auf Distanz.  

Eine Nähe, die Hull braucht. Die Hafenstadt mit etwa 260.000 Einwohnern an der Nordostküste Englands ist nicht gerade die nächste Hipsterstadt nach London. Die Gemeinde zählt zu den ärmsten in England, die Löhne liegen weit unter dem Durchschnitt und etwa ein Drittel der Kinder lebt in Armut. 67,6 Prozent der Bürgerinnen und Bürger stimmten 2016 für den Brexit. Steve Arnott war einer von ihnen. 

Mit dem Bus in die weniger glänzenden Viertel

Wenn Besucher aus dem Bahnhof durch die Stadt laufen, merken sie erst mal nichts Armut. Ein großes Shoppingcenter mit glänzender Fassade beherbergt die üblichen Ladenketten, Starbucks verkauft seinen Kaffee zu genauso überteuerten Preisen wie überall, Flyer für Kulturveranstaltungen zeigen, dass etwas hängen geblieben ist von der City of Culture. Doch wer nicht Richtung Altstadt und Marina abbiegt, sondern nach Westen läuft, dort, wo Steve Arnott sein Studio hat, sieht die weniger glänzenden Fassaden. Die leer stehenden Geschäfte, die geschlossenen Kneipen, die billigen Imbisse.  

Drei Monate tourte Arnott, der schon seit seiner Kindheit Hip-Hop macht, mit dem Bus durch die weniger glänzenden Viertel von Hull, schrieb Texte mit den Kindern und nahm Songs auf. Doch nach einem Vierteljahr war sein Job bei der City of Culture vorbei. Arnott wollte weitermachen, bekam aber weder Bus noch Equipment gestellt. Und auch in seinem eigentlichen Job lief es nicht. „Es gab ein bisschen Reibungen, weil ich neben meiner Arbeit den Bus gemacht habe“, sagt Arnott. Er wurde herabgestuft, war nur noch einfacher Arbeiter statt Vorsteher.

Mit dem Beats Bus machte er trotzdem weiter, auch ohne Bus. Mit seinen Freunden David Okwesia und Nigel Taylor, die von Anfang an dabei waren, brachten sie Kinder zu sich nach Hause. „Wir alle machen Musik, wir alle haben irgendwas an Equipment rumstehen“, sagt Arnott. Aufgeben wollte er trotzdem immer mal wieder. Durch den schlechter bezahlten Job machte der 43-Jährige Schulden, ging in die Privatinsolvenz. Fuck, was mache ich hier?, habe er sich immer wieder gefragt. Doch die Kinder zu sehen und das Selbstvertrauen, das sie durch die Musik bekamen, „das ist es alles wert gewesen“.  

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