Gesangskunst und Federschmuck: Alle Vögel sind schön da

Gesangskunst und Federschmuck: Alle Vögel sind schön da

Am Straßenrand liegen sie auf der Lauer. Pärchen im Partnerlook, bärbeißige Männer mit Adlerblick und wettergegerbte Rentner, deren bunte Multifunktionskluft eigentlich für Grenzerfahrungstrips gemacht ist. Sie schleppen ein kleines Vermögen mit sich herum: Premiumfernglas, Premiumspektiv, Premiumkamera. Die Jüngeren blättern in einem Bestimmungsbuch, die Älteren haben dessen Inhalt im Kopf. Ein paar von ihnen nehmen auf Klappstühlen Platz und trinken Kaffee aus Thermoskannen – es ist sieben Uhr morgens. Warum versammeln sich diese Menschen in aller Frühe auf einer Straße südöstlich des Neusiedler Sees? Was gibt es auf den Wiesen jenseits der Fahrbahn zu sehen? Braunkehlchen und Grauammern. Sumpfohreulen und Steinschmätzer. Vor allem jedoch: Großtrappen. Und zwar bei der Balz.

Kai Spanke

All jenen, die sich nicht für die Vogelwelt interessieren, werden diese Beobachter erscheinen wie drollige Abkömmlinge echter Naturburschen. Löwen-Safari – okay. Whale-Watching – selbstverständlich. Aber Großtrappen- Balz? Wer hat überhaupt schon von diesen Vögeln gehört? Eben. Dabei sind sie in jeder Hinsicht beeindruckend. Die Männchen werden bis zu 16 Kilogramm schwer und können ein Alter von 20 Jahren erreichen. Leider sind sie bei uns vom Aussterben bedroht, Rote Liste, Kategorie eins. Abgesehen von derartigen Lexikonfakten ist etwas anderes frappierend: Die Trappen sehen extrem gut aus. Rötlich getönte Brust, blaugrauer Hals, borstenartige Federn am Kinn, die sich dekorativ aufrichten lassen. Der Rücken ist rostbraun und schwarz gebändert. Bei der Balz krempelt der Hahn einen Teil des Gefieders von innen nach außen und verwandelt sich in einen aufgeblasenen Geck. Die Flanken erinnern an geplatzte Kissen, die Rückseite mutet an wie eine Cumuluswolke en miniature.

Wer sich von der Schönheit unserer Vögel überzeugen will, muss allerdings keine Reisen unternehmen, da sich – im Gegensatz zu Reptilien, Fischen oder Säugetieren – etliche Allerweltsarten direkt vor der Haustür tummeln. Sie sind immer einen zweiten und dritten Blick wert. Allzu leicht übersieht man das leuchtend weiße Bürzelfeld des Eichelhähers oder das rote Gesicht des Stieglitzes. Zu den farblich spektakulärsten Vögeln gehört der Bienenfresser. Vor 30 Jahren galt er in Deutschland als ausgestorben, nun ist er zurück. Besonders am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg und im südlichen Sachsen-Anhalt fühlt er sich wohl. Seine Unterseite ist bläulich bis türkisfarben, die Kehle leuchtend gelb, Scheitel und Rücken sind rotbraun. Im Gesicht trägt er einen schwarzen Augenstreif, der ihm das Erscheinungsbild eines exotischen Räubers verleiht.

Auffällig dekorative Ornamente

Ähnlich hübsch, doch leider nur als Wintergast bei uns zu sehen, ist der Seidenschwanz. Er hat ein braungraues Gefieder, gelbe Flügelabzeichen, einen schwarzen Kinnfleck und wachsartige rote Hornplättchen auf den Schwingen.

Charles Darwin war der Ansicht, Vögel seien die ästhetischsten Tiere überhaupt. Damit steht er nicht allein. Angehörige verschiedener Naturvölker schmücken sich genauso mit Federn wie Trachtenträger unserer Breiten. Aber auch die Mode weiß, was sie an einem Prachtkleid hat. Im Lebenswerk Alexander McQueens spielen Federn eine tragende Rolle, in der hohen Schneiderkunst der Couture sowieso. Auch in der Sprache hat die Schönheit der Vögel Spuren hinterlassen. Gibt jemand die Verdienste eines anderen als seine eigenen aus, schmückt er sich mit fremden Federn. Kapriziöse Persönlichkeiten mit eigenwilliger Garderobe werden als Paradiesvögel bezeichnet. Wer übertrieben dünkelhaft auftritt, ist stolz wie ein Pfau.

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