Fleischverzicht in Rostock: Darf ein Rathaus Mettwurst servieren?

Fleischverzicht in Rostock: Darf ein Rathaus Mettwurst servieren?

An seine letzte Currywurst kann Claus Ruhe Madsen sich noch gut erinnern. Auch wenn die Qualität nicht berauschend gewesen sei, sagt der Rostocker Oberbürgermeister. Es geht in dieser Geschichte aber auch nicht um Qualität, sondern ganz grundsätzlich um die Wurst in seiner Stadt. Mindestens einmal im Monat isst er also eine, sagt Madsen. Das klingt schon fast wie ein politisches Statement in diesen Tagen. Wenige Stunden zuvor hatte er über Instagram noch ein Foto verbreitet, wie er eine Gurke schnibbelt. In den Kommentaren wird er gelobt, ein Nutzer fragt aber auch: „Was soll der Quatsch?“

Matthias Wyssuwa

In Rostock jedenfalls ist kurz vor Weihnachten noch mal so richtig was los. Die Rostocker Regionalzeitung, die „Ostsee-Zeitung“, hatte als Schlagzeile auf Seite eins geschrieben: „OB Madsen verbietet Fleisch im Rostocker Rathaus“. Es ging um Klimaschutz, schließlich ist die Fleischproduktion auch eine Belastung für die CO2-Bilanz. Die Aufregung war groß, schon die Grünen mussten einst mit ihrem Veggie-Day-Vorstoß erfahren, wie kurz die Zündschnur bei solchen Themen ist. In einem Kommentar der Zeitung hieß es: „Bei Salami hört der Spaß auf.“

Madsen, das muss man dazu wissen, ist noch recht neu im Rathaus. Seine Wahl war in diesem Jahr eine kleine Sensation, er ist eigentlich Unternehmer, ein parteiloser Däne und der erste Ausländer, der in Deutschland eine Großstadt führt. Gründe für seinen Erfolg gibt es viele, aber nicht ganz unbedeutend dürfte sein beständiges Touren auf seinem Lastenrad durch die Stadt gewesen sein, auch sein recht lockerer Umgang im Gespräch – und das Versprechen, manches anders zu machen im Rathaus. Die Stichwahl hat er deutlich gewonnen, und nun ändern sich also auch ein paar Sachen. Das fängt damit an, dass man sich jetzt im Büro des Bürgermeisters duzt.

Zum Jahresausklang verriet Madsen in einem Gespräch mit Journalisten dann nicht nur, dass er Mettbrötchen mehr mag als Fischbrötchen, was in einer Hansestadt schon mal nicht ohne ist, sondern regte auch an, dass man bei der Bewirtung zu Veranstaltungen im Rathaus, zu Empfängen und Vorträgen zum Beispiel, doch auch mal auf Fleisch verzichten könne. Madsen sagt: „Es ist doch normal, dass ein Gastgeber entscheiden kann, was er auf den Tisch stellt.“ Nicht er, sondern die Bürgerschaft der Hansestadt habe nun mal den Klimanotstand ausgerufen. „Aber wenn ich mal etwas Konkretes vorschlage, werden alle gleich nervös.“ Man könne doch in der Klimadebatte nicht nur Plakate hochhalten. Also warum nicht Brezeln statt Mettbrötchen? Madsen sagt: „Die Brezel tut niemandem weh, die füllt auch den Magen.“

Ganz so einfach ist es aber nicht. Die „Ostsee-Zeitung“ zitiert den empörten Bauernverband des Landes: Das Fleischerhandwerk sei Kulturgut, und Wurst und Fleisch aus Mecklenburg-Vorpommern könne man auch mit Blick auf den Klimaschutz jederzeit essen, heißt es da. Ein anderer Bürgermeister aus dem Nordosten merkt an: „Lokal schont auch das Klima.“ Und sogar der Landwirtschaftsminister Till Backhaus von der SPD, deren Kandidat es bei der Oberbürgermeisterwahl in Rostock nicht einmal in die Stichwahl geschafft hatte, wird zitiert: Die Stadt solle sich lieber auf Energie und Verkehr konzentrieren, wo man mehr für den Klimaschutz tun könne. „Zum Fleischverzicht aufzurufen ist die völlig falsche Botschaft und verkennt die Leistungen, die die Landwirtschaft jeden Tag für jeden Einzelnen für uns erbringt.“ Auf Facebook ging die Post ab.

Auf den Schreck hat Madsen dann erst mal die Gurke geschnitten, Stichwort Gurken-Gate, und seine Pressestelle vermeldet, dass es kein „Fleisch-Verbot“ im Rathaus gebe und der Oberbürgermeister auch mal eine Currywurst esse. Madsen sagt, da sei er mitten in Deutschland gelandet. Alle redeten gleich von Verboten. Er will den Verzicht auf Fleisch bei Empfängen im Rathaus aber erst mal nur empfehlen, zur Diskussion anregen. Es sei doch gut, dass die ganze Stadt darüber rede. Das zumindest hat geklappt.

„Es sollte in der Klimadebatte doch zulässig sein, dass Menschen auch kleine Maßnahmen ergreifen“, sagt Madsen. Als Rathaus könne man da ein Signal setzen, Fairtrade-Kaffee und Mehrweg-Becher gebe es schon. „Wir haben als Stadt am Meer eine besondere Verpflichtung. Wenn wir kein Leuchtturm sind, wer dann?“ Wenn der Wasserspiegel steige und man echte Probleme bekomme, sei es ein bisschen spät für Maßnahmen. Außerdem hoffe er, dass die Menschen wegen der Veranstaltungen ins Rathaus kommen, nicht wegen des Essens. „Und wenn die Fleischerinnung mal zu Gast ist, kann ich auch mal weggucken.“

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