Einst gehypt: Von der gefeierten Kaffeemaschine zur Pleite – die Geschichte von Bonaverde

Einst gehypt: Von der gefeierten Kaffeemaschine zur Pleite – die Geschichte von Bonaverde

Am Dienstag fiel in einer Mitteilung des Berliner Kaffee-Startups ein Begriff, vor dem sich wohl jeder Gründer fürchtet: Insolvenz. Für eine große Rückrufaktion fehle Bonaverde das Geld, Bestandsinvestoren lehnten eine Zwischenfinanzierung ab, heißt es. Das Unternehmen steht vor dem Aus. Wie kam es dazu? Ein Blick auf die sechsjährige Firmenhistorie zeigt: Vorzeichen für das Bonaverde-Ende gab es viele.

2013

  • Juli: Hans Stier und Felix Artmann gründen Bonaverde, damals noch als UG. Geschäftsführer Stier hatte zuvor schon einmal ein Unternehmen geführt, Kaffee Toro, das allerdings scheiterte. Es musste Insolvenz anmelden.
  • November: Bonaverde startet eine Kickstarter-Kampagne für „die erste Röst-Mahl-Brüh-Kaffeemaschine der Welt“, wie Stier und Artmann im Interview mit Gründerszene sagen. Die Gründer kündigen an, die Kaffeemaschinen im Oktober 2014 an ihre Crowd-Unterstützer ausliefern zu wollen.
  • Dezember: Über Kickstarter (2.254 Unterstützer) und eine weitere Kampagne auf Indiegogo (438 Unterstützer) kommen insgesamt umgerechnet circa 750.000 Euro zusammen. Wer umgerechnet mindestens 180 Euro (250 US-Dollar) zahlt, kann das Gerät bei Kickstarter vorbestellen.

2014

  • Januar: Mitgründer Artmann verlässt das Startup. 
  • April: Stier gründet die Bonaverde Coffee AG als hundertprozentige Tochter der GmbH. In der AG liegt nun das operative Geschäft, unter dem Dach der GmbH sollen später verschiedene Ländergesellschaften geschaffen werden, so der Plan. Aufsichtsratsvorsitzender der Aktiengesellschaft wird der frühere StudiVZ-Chef Michael Brehm. Gegenüber dem Spiegel spricht Stier von „mittlerweile über 3.000 Vorbestellungen“ per Crowdfunding.
  • Juni: Laut Handelsregister steigen bei der Bonaverde GmbH erstmals Gesellschafter neben Stier ein. Als einer von zwei neuen Geldgebern über eine Beteiligungsgesellschaft maßgeblich mit dabei: Michael Brehm.
  • Oktober: Der erste angekündigte Liefertermin für die Bonaverde-Maschine wird nicht eingehalten. Für 299 Euro kann man den kastenförmigen Apparat auf der Webseite des Startups weiter vorbestellen.


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2015

  • Januar: Bonaverde beendet seine dritte Crowdfunding-Kampagne. Auf Seedmatch sind weitere 1,3 Millionen Euro von 1.036 Investoren zusammengekommen. Nach wie vor hat das Startup aber keine Maschine auf den Markt gebracht. Dazu kommt: Inzwischen ist das ursprünglich angekündigte (und einst per Crowdsourcing ausgeschriebene) Design der Maschine verändert worden, was bei einigen Crowd-Unterstützern auf Unverständnis stößt. Sie richten wütende, teils aggressive Kommentare an Bonaverde. Die Rede ist von „Betrug“.
  • Februar: Stier kürzt sein Team von zwölf auf vier Mitarbeiter. Der Gründer spricht im Rückblick von „brutalen Fehlern“, die passiert seien. Er nennt das störanfällige Mahlwerk der Maschine und Probleme mit dem asiatischen Zulieferer als Ursachen für die Lieferverzögerungen. Das Startup terminiert die Fertigstellung für das Bonaverde-Gerät auf Mitte 2016.

2016

  • Juli: Bonaverde startet einen viermonatigen Alpha-Test. 50 Kunden testen die Maschine „auf grobe Schnitzer“. Das Mahlwerk ist nach wie vor das Sorgenkind des Produktteams.
  • November: Die Crowd wartet immer noch auf die Kaffeemaschine von Bonaverde. Inzwischen verzichtet das Unternehmen ganz darauf, aktualisierte Liefertermine zu verkünden – offenbar aus gutem Grund. Wie das Startup zu diesem Zeitpunkt finanziert ist, wird nicht öffentlich kommuniziert.

2017

  • Februar: Trotz der Lieferschwierigkeiten bekommt Bonaverde ein Investment in Höhe von zwei Millionen Euro, unter anderem von Michael Brehm und Jens Odewald, dem Ex-Chef von Tchibo. Die Unternehmensbewertung liegt nach Angaben des Startups bei 29 Millionen Euro.
  • März: Die ersten Maschinen in einer Betaversion werden an die Crowdinvestoren versendet. Gründerszene nutzt die Gelegenheit und testet eines der Geräte. Fazit: Die Optik, Bedienbarkeit und Verarbeitung der Maschine fällt bei den Redakteuren durch, den Geschmack des Kaffees finden manche „sehr gut“, andere „zu dünn“.
  • Juli: Bonaverde startet seine vierte Crowdfinanzierung, diesmal über die britische Plattform Seedrs. Das Startup will 750.000 Pfund einsammeln, umgerechnet rund 870.000 Euro.
  • September: Die ersten Kaffeemaschinen werden in den USA und in Europa ausgeliefert. Allerdings haben zu diesem Zeitpunkt nicht einmal alle Beta-Tester ihre Geräte erhalten. Man wisse von den Verspätungen, schreibt das Startup, diese seien aber „Teil der Lernkurve“. 
  • Oktober: Bonaverde schließt seine vierte Kampagne auf Seedrs ab – und sammelt deutlich mehr Geld ein als angestrebt. 342 Investoren geben umgerechnet 1,5 Millionen Euro (rund 1,3 Millionen Pfund).

2018

  • August: Das Startup meldet sich erstmals nach einem Dreivierteljahr wieder bei der Crowd. Die Kommentare auf der Kickstarter-Seite reichen inzwischen von „Ich will mein Geld zurück!“ über „Ich warte immer noch auf meine Maschine“ bis zu „Ich liebe die Maschine. Danke an das Team!”
  • Oktober: Bonaverde spricht auf seiner Website von mehr als 3.000 verkauften Kaffeemaschinen weltweit – aber längst nicht alle Besitzer sind damit zufrieden. Crowdinvestoren, die ihr Gerät nicht mehr haben wollen, bietet das Startup daher einen Rückkauf an.
  • Dezember: Bonaverde liefert die zweite Charge seiner Kaffeemaschine aus. 

2019

  • August: Nachdem Bonaverde lange nichts von sich hören ließ (von Beschwerden verärgerter Crowd-Unterstützer auf Kickstarter einmal abgesehen) launcht das Startup überraschend ein neues Produkt. Der Urban Coffee Club soll eine Flatrate für Kaffee sein. Das Konzept: Nutzer können sich für einen monatlichen Betrag beliebig viele Kaffees in kooperierenden Cafés in Berlin abholen.
  • September: Hans Stier kündigt an, seinen CEO-Posten abgeben zu wollen, um sich voll auf den Urban Coffee Club zu konzentrieren. Er spricht davon, dass er für das neue Produkt eine eigene Gesellschaft gegründet habe (was nicht stimmte, wie inzwischen feststeht). Außerdem sollen laut Stier Hellofresh-CEO Dominik Richter, Parship-CTO Marc Schachtel und Movinga-Gründer Finn Hänsel in die neue – nie offiziell gegründete – Firma investiert haben.
  • Bei der NGIN Food Conference diskutiert Stier Mitte September bei einem Panel über Crowfinanzierung mit. In diesem Zuge erzählt er Gründerszene, dass Bonaverde ein „Think Tank für Food“ geworden sei. Der Urban Coffee Club sei als erste „Ausgründung“ zu verstehen. Den Vertrieb der Kaffeemaschinen werde man in die Hände von Distributoren in Japan, China und den USA geben, die dafür Lizenzen erwerben. Erst am Vortag sei er dazu in Peking gewesen. Dort habe ein Distributor eine millionenschwere Lizenz für den Vertrieb der Kaffeemaschinen erworben. Stier erzählt von konkreten (aber nicht neuen) Plänen für eine neue Röst-Brühmaschine für Espresso. Der Gründer schließt eine weitere Crowdfinanzierung nicht aus, darüber spricht er auch auf der Bühne der Konferenz. Die Finanzierungsform bleibe „Teil seiner DNA“.


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  • Oktober: Bonaverde steht vor dem Aus. Das Startup verkündet per Mail und auf seiner Website, Insolvenz anmelden zu müssen. Grund soll eine Rückrufaktion sein: 500 bereits verkaufte und versandte Geräte seien von einem Produktionsfehler betroffen, durch den ein „unkontrollierter Röstvorgang“ ausgelöst werden könne. Die finanziellen Mittel, um die Maschinen zurückzuholen und den Kunden neue Geräte zu schicken, habe man nicht, so Bonaverde. Auch von den Investoren sei kein neues Kapital zu erwarten. Die finanziellen Probleme betreffen auch den Urban Coffee Club. Wegen Geldmangels habe man keine GmbH für die Kaffee-Flatrate anmelden können, sagt Stier gegenüber Gründerszene. Man habe Hoffnung, noch „in irgendeiner Form ein Fortführungskonzept“ für den Urban Coffee Club zu finden, so der Gründer weiter.
  • Was aber wurde aus der in Peking vereinbarten Distributoren-Lizenz? Darauf antwortet Stier auf Nachfrage von Gründerszene, dass dieser Deal an eine erfolgreiche Produktion und Auslieferung geknüpft sei. Und weil es jetzt genau da hakt, sei dieser „auch nicht mehr uneingeschränkt belastbar.“ Die Insolvenzanmeldung ist inzwischen veröffentlicht. Bezüglich des Urban Coffee Clubs gibt sich das Team zwar optimistisch, hinter den Kulissen sieht die Lage aber offenbar nicht so gut aus. Stier sagt zu Gründerszene, dass seine 15 Mitarbeiter sich neue Jobs suchen müssten – und auf der Bonaverde-Website schreibt er, dass es „noch keinen Plan B“ für sein Startup gebe.



Bild: Bonaverde; Collage: Gründerszene

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