Der Moment, in dem ich den Kater abgeschafft habe

Der Moment, in dem ich den Kater abgeschafft habe

Zu Zeiten, in denen man noch nach Vietnam flog und danach bereitwillig von seinen Klimasünden erzählte, reiste ich mit einer Freundin nach Saigon. Der Flug war lang und umständlich, und als wird nach Anbruch der Dunkelheit in der Stadt ankamen, leuchtete sie, als hätte sie uns die ganze Zeit den Weg gewiesen. Es war wie auf einem riesigen Jahrmarkt, Großfamilien auf Rollern fuhren mit Käfigen voller Hühner über unübersichtliche Kreuzungen und aus jeder Gasse wucherten Straßenstände.

Elena Witzeck

Wir hatten das billigste Hostel in einem beliebten Backpackerviertel gebucht. Aus dem Taxi und auf die andere Straßenseite zu gelangen, kostete uns zehn Minuten. Vor der Tür standen junge Menschen mit Bierflaschen um ein Jengaspiel. Sie grüßten freundlich. Wenn wir am Abend nicht zu müde von der langen Reise seien, sagten sie, könnten wir uns ihnen gleich anschließen. Sie hätten schon einige Kneipen ausgecheckt und planten einen Barabend, es gehe gleich los.

Am nächsten Morgen wachte ich mit starken Kopfschmerzen in einem Stockbett auf. Im Raum lagen acht Leute, ich ganz oben unter der Decke. Für einen Dezembermorgen war es außergewöhnlich heiß. Ich erinnerte mich vage an die zurückliegende Nacht, wir waren ja erst spät gelandet und dann mit den Jengaspielern von Bar zu Bar gezogen, bis man uns nicht mehr reinließ. Nun blieben genau zwei Tage für die Erkundung der Stadt. Als ich mich unter möglichst geringem Energieaufwand umdrehte, stand meine Freundin vor mir. Sie war schon angezogen und hungrig. Ob ich auch den Eindruck hätte, fragte sie, während sie mit Elan ihre Sandalen band, dass der letzte Cocktail aus Hustenmitteln gepanscht gewesen sein könnte. Sie hätte so ein flaues Gefühl im Magen. Und ob ich nicht auch mal aufstehen wolle?

An diesem Tag, als wir uns mehr sitzend als laufend Saigon annäherten, entschied ich, dass ich nie wieder einen Kater haben würde. Es war Zeit. Ich war alt genug, ich hatte es erlebt, es lohnte sich nicht. In Katerstimmung begann man über Probleme nachzudenken, die man nicht hatte. Man wurde rührselig und ernährte sich schlecht, wovon einem wiederum schlecht wurde. Man sah sich bescheuerte Filme an, die einem eine Welt vorgaukelten, in der Premierminister an Weihnachten Angestellte zuhause aufsuchten, um ihnen ihre Liebe zu gestehen. Man verpasste das eigentliche Leben.

So lebt es sich viel besser

In meiner Familie erzählt man sich zu ausgewählten Anlässen eine beliebte Geschichte. Zum Zeitpunkt des Geschehens muss ich etwa elf Jahre alt gewesen sein, vertrete, wenn die Sprache darauf kommt, allerdings immer die Ansicht, dass ich höchstens acht war. Wir verbrachten dem Urlaub an der Nordsee und kamen an einem Nachtclub vorbei, vor dem geraucht und frech gelacht wurde. Ich wollte wissen, was da los sei. Meine Mutter sagte, das sei eine Art Lokal, in dem Menschen bis tief in die Nacht miteinander tanzen und dabei meist recht viel „tanken“.

Das Wort kannte ich schon von Gesprächen über entfernte Verwandte. Ich war entsetzt. Warum sollte man so einen Ort freiwillig besuchen? Mit bedeutungsschwerer Stimme kündigte ich an, nie in meinem Leben einen Nachtclub zu betreten. Jedesmal, wenn man sich in meiner Familie unter großem Amüsement daran erinnert, wird mit irgendeinem Getränk angestoßen. Und ich bekräftige, dass mich diese sogenannten Nachtclubs bis heute nicht im geringsten interessieren und ich allenfalls mal in eine Bar gehe, die eine Mitwippoption am Tresen bietet.

So ähnlich ist es mit dem Kater. Ich habe mich gegen ihn entschieden. Seit er nicht mehr Teil meiner Welt ist, lebt es sich viel besser. Manchmal treffe ich am Wochenende Freunde zum Frühstück, die über Übelkeit und Migräne klagen. Ich biete ihnen dann eine Tablette Ibuprofen an und rede ihnen gut zu, es wird vergehen. Wenn ich mich schlecht ernähre, wird mir gar nicht mehr so oft übel davon. Und wenn ich einen Sonntag schlechte Filme schauend im Bett verbringe, ist das eine bewusste, reifliche überlegte Entscheidung.

Heute morgen bin ich mit einem leichten Stechen im Kopf aufgewacht. Es muss der Temperaturumschwung sein, dachte ich, schaltete den Wecker aus, schluckte ein Aspirin, setzte mich an den Schreibtisch und schrieb in angenehm wachem Bewusstsein bei zwei Kannen Kaffee diese Kolumne. Jetzt werde ich mich vielleicht noch einmal hinlegen. Nur ein, zwei Stunden. Weil heute Neujahr ist und ja doch alle, mit denen man was erleben könnte, einen Kater haben.

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