Der Barista hat gegen den Kaffeevollautomaten einen schweren Stand – die Schweizer Industrie freut’s

Der Barista hat gegen den Kaffeevollautomaten einen schweren Stand – die Schweizer Industrie freut’s

Zu einem Kaffeevollautomaten gehört auch ein Druckmessgerät.(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Zu einem Kaffeevollautomaten gehört auch ein Druckmessgerät.

(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Weltweit wird auswärts immer mehr Kaffee getrunken, doch vielen Lokalen ist die Beschäftigung eines Barista zu teuer. Umso mehr boomt das Geschäft mit Kaffeevollautomaten. Es befindet sich zu einem grossen Teil in Schweizer Händen.

Dominik Feldges, Ardon (VS)

«Perfekten Kaffee auf Knopfdruck» verspricht der Walliser Automatenhersteller Eversys. Beim Konkurrenten Thermoplan preist man die Produkte als «Meisterwerke aus Weggis» an. Die Solothurner Firma Schaerer, ein weiterer Schweizer Produzent von Kaffeevollautomaten für professionelle Anwender, brüstet sich damit, «von jeher technische Überlegenheit mit geniesserischer Sinnlichkeit zu verbinden». Und bei Franke aus Aarburg im Kanton Aargau lautet der Slogan schlicht: «Unsere Kaffeemaschinen schäumen schöner.»

Eine Branche ohne Jammerer

Die Hersteller von Kaffeeautomaten geben sich alle Mühe, um sich im besten Licht darzustellen. Dabei nimmt man in Kauf, den Mund mitunter ziemlich voll zu nehmen. Doch trotz grossem Wettbewerbsdruck kommt in dieser Branche momentan kaum jemand zu kurz. Das Geschäft mit dem Kaffee boomt, wie sich jüngst auch an der Mailänder Messe Host, dem wichtigsten Stelldichein der Hersteller von Kaffeemaschinen, gezeigt hat. «Wir sind zurzeit vielleicht der einzige Industriesektor, in dem nicht gejammert wird», sagt Martin Strehl, der Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Firma Eversys mit Sitz in Ardon bei Sitten.

Tatsächlich bewegen sich die Verkaufszahlen steil nach oben. Das hat damit zu tun, dass weltweit immer mehr Geld für Kaffee ausgegeben wird. So ist laut Angaben der Marktforschungsfirma Statista bei den Heissgetränken der Umsatz mit Kaffee allein seit 2010 von rund 240 Mrd. auf gut 400 Mrd. $ gestiegen. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Zunahme um 6,5%. Das Wachstum angeheizt haben besonders Änderungen im Konsumverhalten der Bewohner bevölkerungsreicher Länder in Asien. In China wird zwar im Vergleich mit westlichen Industrieländern sowie mit Japan noch immer wenig Kaffee getrunken, doch nimmt die Nachfrage auf niedrigem Niveau stark zu.

Hinzu kommt, dass auch in Europa und in den USA der Kaffeekonsum vielerorts im Steigen begriffen ist. Man gönnt sich deutlich öfters als früher eine Tasse, wozu auch das wachsende Angebot an Verkaufsstellen beiträgt. Neben Kaffeehäusern, Bars und Restaurants bieten heute auch die meisten Tankstellenshops sowie viele Convenience-Stores und Bäckereien frisch zubereiteten Kaffee an. Auch in grossen Bahnhöfen und an Flughäfen wimmelt es inzwischen von Verkaufspunkten für heisse Getränke. Kein Wunder, erreichen die Pro-Kopf-Ausgaben für Kaffee in europäischen Ländern inzwischen bis zu 1000 $ pro Jahr.

Traditionalisten auf dem Rückzug

Die sogenannten Kaffeevollautomaten, die sämtliche Aufgaben bei der Zubereitung vom Mahlen der Bohnen über das Brühen bis hin zum Schäumen der Milch übernehmen, sind das bevorzugte Gerät der Kaffeeanbieter. Zwar gibt es noch immer Traditionalisten, die nach dem Vorbild italienischer Espressobars Halbautomaten einsetzen. Doch die Siebträgermaschinen, die anders als die Vollautomaten nicht über ein integriertes Mahlwerk verfügen, verlieren laut Auskunft von Branchenbeobachtern Marktanteile.

Jean-Paul In-Albon (links) hat vor zehn Jahren den Walliser Kaffeeautomatenhersteller Eversys mitgegründet. Als Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Firma fungiert Martin Strehl (rechts). (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Jean-Paul In-Albon (links) hat vor zehn Jahren den Walliser Kaffeeautomatenhersteller Eversys mitgegründet. Als Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Firma fungiert Martin Strehl (rechts). (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Der Chef von Eversys führt dies nicht zuletzt auf den Kostendruck zurück, der in vielen Verkaufslokalen herrscht. Einen Barista (Barkeeper) zu beschäftigen, der den Siebträger beim Halbautomaten für jeden ausgeschenkten Kaffee von neuem befülle, wirke zwar auf viele Kunden sympathisch. Ein Verkaufslokal müsse sich dies aber auch leisten können, gibt Strehl zu bedenken. Kaffeevollautomaten ermöglichen eine deutlich höhere Produktivität, was sich besonders an Orten mit einer hohen Kundenfrequenz wie an einer Autobahnraststätte oder in der Lounge eines Flughafens auszahlt. Die Mitarbeiter, welche diese Maschinen bedienen, brauchen zudem deutlich weniger lang geschult zu werden als ein Barista, der mit einem Halbautomaten hantiert.

Während die Herstellung von Siebträgermaschinen nach wie vor eine Domäne italienischer Anbieter wie La Cimbali und Bezzera ist, belegen im Geschäft mit Kaffeevollautomaten für professionelle Anwender fast lauter Schweizer Firmen die vordersten Plätze. Zu ihnen zählen ausser den beiden privat gehaltenen Unternehmen Franke (im Besitz der von Michael Pieper kontrollierten Beteiligungsgesellschaft Artemis) und Thermoplan auch die Schaerer-Gruppe, die 2006 vom deutschen Haushaltgerätehersteller WMF übernommen worden war. Die Firma WMF gelangte vor drei Jahren ihrerseits in neue Hände. Sie wird seither vom französischen Konzern SEB kontrolliert, zu dem auch die Haushaltgerätemarken Moulinex, Krups, Rowenta und Tefal sowie neuerdings der amerikanische Kaffeemaschinenhersteller Wilbur Curtis gehören.

Jeder Handgriff sitzt: Nur rund zwei Stunden dauert es, bis ein Kaffeevollautomat von Eversys im Werk in Ardon fertig montiert ist.(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Jeder Handgriff sitzt: Nur rund zwei Stunden dauert es, bis ein Kaffeevollautomat von Eversys im Werk in Ardon fertig montiert ist.

(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Gross im Geschäft mit Starbucks

Noch vergleichsweise klein ist der Anbieter Eversys. Die erst vor zehn Jahren gegründete Firma peilt im laufenden Jahr aber gleichwohl bereits einen Umsatz von 50 Mio. Fr. an. Franke erwirtschaftete 2018 im Bereich Coffee Systems Einnahmen von 246 Mio. Fr. Der Weltmarktführer WMF hat allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres Kaffeemaschinen im Gesamtwert von 565 Mio. € verkauft (einschliesslich der Marken Schaerer und Curtis). Thermoplan gibt keine Geschäftszahlen bekannt, doch schätzt ein Brancheninsider den Umsatz der Firma, welche die US-Kaffeehauskette Starbucks zu ihren Kunden zählt, auf «sehr wahrscheinlich über 200 Mio. Fr.».

Ein weiterer bedeutender Hersteller von Kaffeevollautomaten ist die Solothurner Familienfirma Jura Elektroapparate. Das Unternehmen, das im vergangenen Jahr erstmals Verkäufe von über 500 Mio. Fr. ausgewiesen hat, bedient anders als Franke oder Thermoplan das professionelle Segment aber nur am Rande. Priorität hat für die Firma aus Niederbuchsiten das Geschäft mit privaten Haushalten. Jura betreibt zudem keine eigene Fertigung, sondern lässt die Geräte von einem sogenannten Original Equipment Manufacturer (OEM), der Firma Eugster/Frismag, in der Schweiz und in Portugal herstellen. Eugster/Frismag produziert auch im Auftrag anderer Anbieter und gilt als einer der grössten Hersteller von Kaffeemaschinen weltweit.

Das Gewicht der Schweiz in der Produktion von Kaffeevollautomaten spiegelt sich auch eindrücklich in der Exportstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung. Zwar weist sie mit Blick auf das Geschäft mit Kaffeemaschinen nur den Posten «Apparate und Vorrichtungen zum Zubereiten heisser Getränke oder zum Kochen oder Wärmen von Speisen» auf, doch dürften die Kaffeevollautomaten in dieser Kategorie den überwiegenden Teil der erfassten Volumen ausmachen. Im Verlauf der vergangenen dreissig Jahre haben sich die jährlichen Ausfuhren wertmässig verzehnfacht – auf rund 560 Mio. Fr. Obschon in dieser Entwicklung auch die allgemeine Teuerung mitgespielt hat, ist sie gleichwohl bemerkenswert – auch über einen kürzeren Zeitraum hinweg: So übertreffen die jährlichen Exportvolumen mittlerweile deutlich das frühere Spitzenniveau, das 2008, unmittelbar vor dem Einbruch im Zuge der weltweiten Finanzmarktkrise, erreicht wurde.

«Kaffeehausketten verdienen sich eine goldene Nase»

Die Anschaffung eines Kaffeevollautomaten ist nicht billig. Bei Eversys kostet ein Gerät der neusten Generation zwischen 13 000 und 15 000 Fr. WMF/Schaerer gibt die Preisspanne mit 3700 bis 35 000 € an, während sich die Maschinen von Franke in einer Bandbreite von 8000 bis 20 000 Fr. bewegen. Alle Hersteller betonen indes, dass sich mit den Geräten trotz den hohen Anschaffungskosten gutes Geld verdienen lasse – die nötigen Kundenfrequenzen vorausgesetzt. Hinter vorgehaltener Hand sagt ein Brancheninsider, dass die Zubereitung eines Kaffees dank dem stark gefallenen Preis für Kaffeebohnen zurzeit nur noch mit ungefähr 20 Rappen zu Buche schlage. Welch hohe Marge dies einem Lokal, das seinen Caffè Latte für 5 oder 6 Fr. verkaufe, auch unter Einrechnung von Personal- und Mietkosten ermögliche, könne man sich leicht ausmalen: «Die Kaffeehausketten verdienen sich eine goldene Nase.»

Im laufenden Jahr erwartet Eversys, fast 5000 Kaffeevollautomaten herzustellen. Produziert wird ausschliesslich auf Bestellung. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Im laufenden Jahr erwartet Eversys, fast 5000 Kaffeevollautomaten herzustellen. Produziert wird ausschliesslich auf Bestellung. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Ein grosses Thema in der Branche ist die Ausrüstung von Verkaufspunkten, die ohne jegliche Bedienung auskommen. Die Kunden bereiten sich in einer solchen Umgebung ihren Kaffee per Knopfdruck selber zu und bezahlen direkt am Automaten. Wachsenden Wert legen die Anbieter von Kaffeevollautomaten auf die Vernetzung ihrer Geräte. Wie in anderen Zweigen der Maschinenindustrie haben Abnehmer vermehrt die Möglichkeit, grosse Datenmengen auszuwerten und so beispielsweise zu beurteilen, wie produktiv sie ihre Kaffeeautomaten einsetzen. Auch die vorbeugende Wartung wird immer wichtiger – das Gerät meldet sich frühzeitig, falls ein Teil ausgetauscht werden muss.

Beim Newcomer Eversys behauptet man, dank ausgeklügelter Technik gewissermassen Barista-Qualität in die Maschine gebracht zu haben. Als technischer Vordenker der Firma wirkt Jean-Paul In-Albon, der das Unternehmen zusammen mit einem weiteren Walliser, Robert Bircher, gegründet hat. Der heute 64-Jährige hat sich seit 1986 ununterbrochen mit Kaffeemaschinen beschäftigt und war jahrelang auch als Entwicklungsleiter für Thermoplan tätig gewesen. An welchen Neuheiten er zurzeit arbeitet, will er nicht verraten. Er unterstreicht indes mit spitzbübischem Lächeln, dass er und sein Team mehr Ideen für die Weiterentwicklung des Kaffeevollautomaten hätten, als ihnen Zeit zur Verfügung stehe.

Der neue Hauptsitz von Eversys in Siders mit Produktionshalle und Büros soll bis spätestens März 2020 komplett bezogen sein. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Der neue Hauptsitz von Eversys in Siders mit Produktionshalle und Büros soll bis spätestens März 2020 komplett bezogen sein. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Jeder neue Kaffeevollautomat wird vor der Auslieferung einzeln auf seine Funktionsfähigkeit geprüft.(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Jeder neue Kaffeevollautomat wird vor der Auslieferung einzeln auf seine Funktionsfähigkeit geprüft.

(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Verkauf an Italiener

Der nächste grosse Schritt für die aufstrebende Firma mit gegenwärtig 170 Mitarbeitern ist der Umzug an den neuen Hauptsitz in Siders. Er soll bis März kommenden Jahres abgeschlossen sein. Das Unternehmen hat dort Platz, um dreimal so viele Maschinen wie heute zu produzieren – rund 15 000 Stück pro Jahr. An den Kosten des Neubaus massgeblich beteiligt hat sich der italienische Konzern De’Longhi, der mit einem jährlichen Ausstoss von 1,5 Mio. Geräten als grösster Hersteller von Kaffeevollautomaten für Privathaushalte gilt.

Die kotierte Grossfirma aus Treviso erwarb 2017 eine Beteiligung von 40% an Eversys – mit der Option, sie in zwei bis vier Jahren auf 100% aufzustocken. Beim Walliser Unternehmen hätte man gerne auch eine schweizerische Nachfolgelösung gesehen, doch war De’Longhi mit ihrem Angebot offensichtlich schneller zur Stelle. An der Ausrichtung der Firma werde sich nichts verändern, unterstreicht der Geschäftsführer Strehl. Mit dem Label «Swiss made» werben zu können, sei ein klarer Wettbewerbsvorteil.

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