Coronavirus-Pandemie: Angst vor der letzten Ausfahrt

Coronavirus-Pandemie: Angst vor der letzten Ausfahrt

Wie verändert der Corona-Ausbruch Deutschland? Unser Reporter Henning Sußebach beschreibt das in der Serie „Aus einem anderen Land“. An welche Orte er noch gelangt, mit welchen Menschen er (bei Wahrung der Empfehlungen des Robert Koch-Institutes) reden kann, liegt weniger an ihm als an den Umständen. Diese Krise ist auch für Journalisten neu, kaum jemand hat Erfahrung – jede Bürgerin und jeder Bürger ist gleichermaßen Laie wie Experte. Wenn Sie unseren Reporter auf Folgen des Corona-Ausbruchs und Geschehnisse in Ihrer Umgebung hinweisen wollen, schreiben Sie ihm: anderesland@zeit.de.

Es gibt Szenen, die wären in einem Film besser zu beschreiben als in einer Reportage. Dazu gehört auch diese – man muss sie sich aus der Vogelperspektive vorstellen: Es wird Nachmittag in Mecklenburg-Vorpommern, Windräder werfen lange Schatten, da nähern sich auf der Autobahn 19 zwei Lastwagen der Raststätte Recknitz-Niederung. Einer kommt von Norden, einer von Süden. Fast zur selben Zeit setzen beide Fahrer auf der jeweiligen Seite der Autobahn den Blinker, wechseln auf die Ausfahrtsspur, bremsen ab und rollen schließlich in einer Parkbucht aus. 

Von oben betrachtet wäre zu sehen, dass der Rasthof beinahe spiegelbildlich angelegt ist, dass beide Männer ihre Lkw in nahezu exakt gegenüberliegenden Positionen abgestellt haben, dass sie zufällig sogar in baugleichen Zugmaschinen der Marke Scania sitzen. Beide bewehrt mit 450 PS, beide Herr über einen 40-Tonner, zwei Lastwagenfahrer in Zeiten von Corona, unterwegs auf einer Verkehrsader, die nicht nur Berlin und Rostock verbindet, sondern den Süden und den Norden Europas. 

Zwei Männer mit dem gleichen Job, dem gleichen Wagen, am gleichen Ort also: Michael Preissler, 43, aus Sassnitz auf Rügen. Und Josef Beneš, 52, aus Benátky nad Jizerou in Tschechien. Bestimmt hätten sie sich viel zu erzählen. Doch begegnen werden sie sich nicht, zwischen ihnen verlaufen ja vier Fahrspuren und ein Mittelstreifen mit schütterem Frühlingsgrün.

Was haben beide in den vergangenen Tagen erlebt? Und was steht ihnen in den nächsten bevor? 

Auf der Autobahnseite, die nach Norden führt, sagt Michael Preissler aus dem Fenster seiner Zugmaschine, er habe Kartonage geladen, für eine Brauerei. Er sei damit auf dem Weg nach Dänemark. Nach dem Abladen, auf dem Rückweg, hätte er ursprünglich Stahl nach Deutschland fahren sollen, aber das Stahlwerk produziere nicht mehr. Noch wisse er nicht, ob seine Spedition ihn nach Hause beordere oder ob er in Skandinavien bleiben und auf Fracht warten müsse. Dabei gebe es keine Fracht mehr, sagt Preissler.

Auf der Autobahnseite, die nach Süden führt, sagt Josef Beneš aus dem Fenster seiner Zugmaschine, er komme aus Finnland. Er bringe Werkzeug nach Tschechien, nach Hause. Vor vier Tagen sei er aufgebrochen, nördlich des Polarkreises, im Schnee, bei Minustemperaturen. Bis in seine Heimatstadt Benátky seien es nur noch acht Stunden, aber wer könne das sicher sagen? Er wisse nicht, wann er hinter Dresden über die Grenze komme. Und ob. 

Auf der Autobahnseite, die nach Norden führt, sagt Michael Preissler, es habe seine Familie vor vier Tagen mit einem Scheißgefühl verlassen. Anders könne er das leider nicht nennen, denn es sei nicht die Zeit für Aufbrüche, auch nicht für einen Fernfahrer wie ihn. Überall schließen sich Eltern mit ihren Kindern ein – aber er verlasse das Haus, das fühle sich falsch an. Seiner Frau gehe es ähnlich, denn es ist auch nicht die Zeit für Kontakte, aber sie arbeite im mobilen Pflegedienst, oft als letzter menschlicher Bezugspunkt ihrer Klienten, viel unterwegs und unverzichtbar. Die beiden Kinder, zwei Mädchen, würden in einem Not-Hort betreut. Systemrelevant zu sein heißt derzeit auch, dass man als Familie vereinzelt in einer Zeit, in der andere zusammenfinden.

Auf der Autobahnseite, die nach Süden führt, sagt Josef Beneš, es klinge sicher seltsam, aber mit jedem Kilometer, dem er sich der Heimat nähere, werde seine Seele schwerer. In Finnland war die Welt noch weit, er hat Rentiere und Polarlichter gesehen, aber übers Telefon kamen schon die schlechten Nachrichten. Seine Frau arbeite bei Skoda, in einem Logistikzentrum für Ersatzteile. Heute habe sie erfahren, dass sie morgen nicht mehr kommen solle. Er kehre in ein fremdes Land zurück, sagt Josef Beneš. Dabei sei er doch nur zwölf Tage fort gewesen.  

Auf der Autobahnseite, die nach Norden führt, sagt Michael Preissler, Kraftfahrer wie er würden in den Medien zwar gerade als Helden gefeiert, als diejenigen, die den Warenverkehr aufrechterhalten. Er werde überall durchgewunken und manchmal sogar beklatscht. Er aber habe Angst, bald als derjenige zu gelten, der das Virus über ganz Europa verteile. Ein Retter als Gefährder. Einige Firmen, bei denen er auf- oder ablade, ließen ihn nicht mehr auf ihre Toiletten. Mit Glück stehe irgendwo ein Dixie-Klo. Geduscht habe er das letzte Mal zu Hause, sagt Preissler. Vor vier Tagen.

Auch an der Raststätte Recknitz-Niederung sind auf beiden Seiten der Autobahn die Duschen gesperrt, die Küchen geschlossen, Regale leer. Flatterbänder markieren schmale Wege zu den Kassen, an denen es noch Getränke gibt, Zigaretten und mit Glück eine Bockwurst. Das Servicepersonal ist auf Kurzarbeit gesetzt, die verbliebenen Bedienungen stellen Kaffee auf den Tresen und ziehen sich zurück. Erst dann dürfen die Kunden ihn an sich nehmen.

Auf der Autobahnseite, die nach Süden führt, sagt Josef Beneš, in seinem Fahrerhaus gebe es einen Kühlschrank, außerdem habe er einen Gaskocher dabei. In einigen Stunden werde er sich Knödel aufwärmen, seine letzten. 

Auf der Autobahnseite, die nach Norden führt, sagt Michael Preissler, bei ihm werde es Soljanka aus der Dose geben. 

Auf der Autobahnseite, die nach Süden führt, sagt Josef Beneš, seine Firma habe ihm mitgeteilt, dass es auch für ihn keine Arbeit mehr gebe. Nicht in den nächsten Tagen, nicht in den nächsten Wochen, für sehr lange nicht.  Er werde in Benátky seinen Wagen abstellen, nach Hause gehen und nicht wissen, ob das ein Grund zur Freude oder Verzweiflung sei.

Auf der Autobahnseite, die nach Norden führt, sagt Michael Preissler, Ende März habe seine älteste Tochter Geburtstag. Sie werde neun. Dieses Mal werde er vermutlich zu Hause sein, ein fernfahrender Vater ganz nah, frisch geduscht und dennoch in Sorge, sich irgendwo infiziert zu haben. Es wird keine Feier für das Mädchen geben, der Kindergeburtstag ist abgesagt. Die Großeltern werden morgens ein Geschenk in die Garage stellen und vom Gehweg aus winken.

Das ist es, was die zwei Männer beidseits der Autobahn auf die Schnelle aus ihren Zugmaschinen heraus zu berichten haben. Dann fährt Michael Preissler auf der einen Seite der A 19 sein Fenster hoch, wie es auf der anderen Seite der A 19 etwas später Josef Beneš tun wird. Zwei Männer hinter spiegelnden Scheiben, zwei Einsame in Zeiten der Vereinzelung. Ein Vibrieren geht durch ihre Lastwagen, als sie die Motoren starten, ihre Gesichter verwackeln hinter zitterndem Glas, und in einem Film wäre aus der Vogelperspektive zu sehen, wie zwei Lastwagen auf die Autobahn auffahren, in entgegengesetzter Richtung.

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