Corona-Pandemie: Der gute Mensch von Moskau

Corona-Pandemie: Der gute Mensch von Moskau

Die Zahl der Corona-Infizierten in Russland steigt schnell – und inzwischen brauchen die Ärzte selbst Hilfe. Die leistet eine Privatinitiative in der Hauptstadt. Von Juri Rescheto, Moskau.

Der Nachname ist Programm: Engelgardt. Der „Engel“ ist um die dreißig, weiblich und trägt weiße Einmalhandschuhe. Wir treffen Anastasia Engelgardt in einem markanten 52-stöckigen Wolkenkratzer im Moskauer Westen. Von hier oben hat man sonst den schönsten Panoramablick auf die russische Metropole. Heute jedoch liegt der wahre Schatz unten, in der Tiefgarage.

„Hier sind die Masken und hier die Handschuhe“, sagt Anastasia Engelgardt und zeigt auf die Pappkartons, die sich im Kellerraum neben ihrem Auto stapeln. Daneben warten Dutzende Wasserkocher, Pakete mit Einweggeschirr und anderen Utensilien auf Abnehmer. „Das alles kommt heute noch weg“, erklärt die junge Frau lächelnd. „Denn wir brauchen Platz. Viel Platz!“

Die einen bieten Hilfe, die anderen fragen sie ab

Ihr Handy klingelt. „Adresse? Wie viel? Nein, alles kostenlos. Sie brauchen nichts zu überweisen!“ Das Handy klingelt wieder. Gefühlt alle zwei Minuten. Am anderen Ende sind Firmen, Vereine, Organisationen, besorgte Bürger, mehr und weniger wohlhabend, aber auch Krankenhäuser und Ärztestationen. Die einen bieten Hilfe an, die anderen brauchen diese Hilfe dringend.

Bei Anastasia Engelgardt klingelt ständig das Telefon

Bei Anastasia Engelgardt klingelt ständig das Telefon

„Ich koordiniere Spenden für Krankenhäuser, in denen Corona-Patienten behandelt werden. Wobei diese Spenden in erster Linie für Ärzte bestimmt sind. Sie brauchen Schutzmasken und Handschuhe, aber auch Getränke und Essen. Schnelles und gesundes Essen.“

„Ein Virus – aber ein gutes“

Wie wichtig die Hilfe und der Dank an die Ärzte ist, weiß Anastasia Engelgardt aus eigener Erfahrung. Sie ist in einer Medizinerfamilie aufgewachsen. Hauptberuflich leitet sie eine kleine Firma, die mit medizinischen Geräten handelt. Als sie von den überforderten Ärzten in Italien und Spanien hörte, wollte sie alles unternehmen, um eine ähnliche Situation in ihrer Heimat nicht zuzulassen. Sie rief über Instagram Mitstreiter auf, ihr zu helfen. Im Moment hat sie ein kleines Team von sieben Freiwilligen, die die Spenden ausliefern helfen, wenn die Firmen das nicht selbst machen. Und – jede Menge dankbare Ärzte, denn ihre Initiative hat sich sehr schnell in der Stadt herumgesprochen. „Wie ein Virus, – scherzt Anastasia – aber ein gutes Virus!“

Nicht ohne meine Maske: Jugendliche in Moskau (picture-alliance/dpa/S. Bobylev)

Nicht ohne meine Maske: Jugendliche in Moskau

Aktuell sind in Russland mehr als 5.300 Menschen (Stand 5.04.) mit dem Coronavirus infiziert – und die Zahlen steigen extrem schnell. Immer mehr Tests werden täglich im ganzen Land durchgeführt. Sie decken immer mehr Fälle auf und verlangen immer mehr Kräfte von den Ärzten ab. Allein in Moskau werden Corona-Patienten zur Zeit in acht Krankenhäusern behandelt. Weitere Stationen sollen kommen. Außerdem baut die Stadt auf Hochtouren ein neues Krankenhaus Mit bis zu fünfhundert Betten in der Siedlung Woronowskij am Rande von Moskau.

„Wir alle müssen jetzt anpacken!“

„Sie allen brauchen unsere Hilfe, wiederholt Anastasia und ruft bei „Level Kitchen“ an, einer Lieferfirma, die unter anderem grüne Salate mit Hähnchen serviert. Am anderen Ende ist Artur Zelyony, ein bärtiger rundlicher Mitdreißiger, der Chef selbst. Seine Stimme klingt klar: „Wie viel und wohin?“

Artur Zelyony, Chef von Level Kitchen

Artur Zelyony, Chef von „Level Kitchen“

„Level Kitchen“ liefert täglich Essen an bis zu zehntausend Stammkunden. „Alles frisch und gesund“, sagt der Chef lächelnd. Seit ein Paar Tagen sind unter diesen Zehntausenden auch sechshundertfünfzig Ärzte und Krankenschwestern in Moskau und Sankt Petersburg, die Corona-Patienten behandeln. Sie kriegen das Essen von „Level Kitchen“ gratis. Auch die Lieferung übernimmt das junge Unternehmen. „Ich kann nicht abseits stehen und warten, bis alles vorbei ist. Ich muss helfen. Wir alle müssen jetzt anpacken!“, ist Herr Zelyony überzeugt.

Zurück im Wolkenkratzer von Anastasia Engelgardt. Sie telefoniert schon wieder, diesmal mit einer Moskauer Kaffee-Fabrik. Am nächsten Morgen hält ein Lieferauto vor den Toren des Städtischen Krankenhauses Nummer 15 an. Darin sind vier Kaffevollautomaten, zwei Kapselmaschinen, zehn Kaffeetassen, hundertsechzig Kilogramm Kaffee und dreißigtausend Pappbecher.

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