Berlin in Woche eins der „Maßnahmen“

Berlin in Woche eins der „Maßnahmen“

Am Berliner Savignyplatz ist Merkels Rede noch nicht angekommen. Auf der Wiese feiern dreißig Schüler mit lustigen Mützen, sie haben schulfrei und bleiben natürlich nicht zuhause, denn die Sonne scheint bei fast 15 Grad, sie stürzen sich aufeinander und spielen Fangen mit einer ergatterten Sonnenbrille. Der Italiener an der Ecke betrachtet das Ganze kopfschüttelnd; Idioten, sagt er, werden noch sehen, was deshalb passiert. Feiern da ihre Großeltern ins Grab. Einer der Gäste, die wie vorgeschrieben ein paar Meter voneinander entfernt auf der Terrasse sitzen, nickt und sagt eigentlich, eigentlich müsste man die alle anzeigen; man kann Raser, die mit hundert durch die Stadt fahren, wegen Mordes anklagen, aber die da, die nehmen den Tod der Alten und der Kranken ja auch billigend in Kauf. Aber was wäre in diesem Fall das Mordwerkzeug? Nähe. Körperkontakt mit Todesfolge. Das ist alles ein bisschen zu abstrakt.

Niklas Maak

Auch im Prenzlauer Berg sitzen die Leute dicht gedrängt auf den Bierbänken, als sei alles wie immer, in den Nachrichten wird über Ausgangssperren diskutiert, Berlin, heißt es, wolle es erst einmal ohne probieren. In den Supermärkten fehlen Produkte aus dem Süden, bei Edeka ist das Mehl alle, ganze Regale sind leergefegt, nur vereinzelt, wie Inseln absoluter Unbegehrtheit, liegen ein paar Produkte auf den weißen Metallregalen, die offenbar überhaupt keiner haben will – ein graues Hüftsteak, eine Schachtel Wachteleier, eine Packung vegane Tofuringe. Offenbar hat der Berliner lieber nichts im Kühlschrank als sowas. Im Café Cappucino in der Knesebeckstraße streiten sich zwei, einer sagt: Alles nur, weil in China einer Fledermaussuppe essen musste, der andere nennt ihn einen Rassisten. Die Freunde aus Paris rufen an; sie sind aus der Stadt ans Meer in die Bretagne geflohen, wo die Mutter ein kleines Haus hat, aber sogar dort, am Strand, patrouilliert die Gendarmerie und überwacht die Ausgangssperre, es sei ein bisschen wie bei Louis de Funès im „Gendarm von St Tropez“, sagen sie; hinter jeder Düne lauert ein Polizist.

In Deutschland kommt man nicht mehr ans Meer. In Dahlem beschwert sich eine Frau über die Schleswig-Holsteiner, die den Tourismus auf den Inseln verbieten, Freunde hatten ihnen ihr Haus auf Sylt überlassen wollen, da wollten sie eigentlich hin, nachdem klar war, dass die Kinder bis Mitte April keine Schule haben, aber jetzt machen sie die Insel dicht für Leute, die dort nicht dauerhaft wohnen; eine Unverschämtheit sei das. Der Taxifahrer, der am Kurfürstendamm auf Kunden wartet, hat auch schlechte Laune, er kommt nicht nach Manila zurück, da wohnt er nämlich eigentlich mit seiner Frau, er fährt nur ein paar Wochen pro Jahr für einen Freund in Berlin Taxi, um ein wenig Geld dazuzuverdienen; früher hatte er selbst ein Fuhrunternehmen, als das pleiteging, machte er eine Tauchschule auf den Philippinen auf.

Eine fast biblische Wanderung an die Meldeorte

Irgendwo auf der Welt zu wohnen, wo man nicht geboren wurde, ist längst kein Privileg weniger Reicher mehr, spätestens mit Billigfliegern wurde es zu einem – ökologisch fragwürdigen – Versprechen, dass jeder jederzeit für 50 Euro nach Mailand oder Mallorca pendeln kann. Jetzt werden Deutsche aus allen Teilen der Welt zurückgeflogen; eine Berliner Künstlerin, die sich an der Ostsee auf Rügen eingemietet hatte, um dort die Corona-Krise zu verbringen, wurde aufgefordert, die Insel zu verlassen und sitzt jetzt wieder in ihrem Atelier: Mit der Freiheit, nicht dort wohnen zu müssen, wo man geboren oder gemeldet ist, ist es vorerst vorbei; die Behörden sagen einem, wohin man gehört, eine fast biblische Wanderung an die Meldeorte setzt ein.

Wo sie denn hingehen würden, wenn man sich einen Ort auf der Welt aussuchen und dort ein Leben lang, oder wenigstens ein paar Jahre bleiben müsste, wenn das Fliegen und Herumreisen verboten würde, um den Planeten vor dem Klimatod zu retten, fragte der Philosoph Sebastien Marot vor einem Jahr die Teilnehmer eines Seminars in Harvard – und die hielten die Frage für einen Scherz, eine Provokation: Man soll aus Öko-Gründen weniger fliegen, schon klar; aber man konnte es ja doch und fand auch immer einen Grund, warum man es, Klimawandel hin oder her, doch noch mal musste. Aber dann überlegten die Studenten und stellten fest, dass die Frage des Standorts auch eine danach war, wer und wie man eigentlich sein wollte: Mit vielen Leuten in einer Großstadt oder allein auf dem Land? Meer oder Berge? Strand oder Stadt oder beides? So wurde aus der scheinbar absurden Frage ein Identitätsspiel: Sag, wo Du leben willst, wenn Du nicht mehrere Leben an vielen Orten führen kannst, und ich sage Dir, wer Du bist.

Eine der großen Errungenschaften der europäischen Union war das Freizügigkeitsgesetz. Jetzt sind die Grenzen dicht, das Reisen unmöglich, jeder ist auf die Identität zurückgeworfen, an die Straße gefesselt, die in seinem Pass steht; der Berliner darf nicht am Meer sein, der Deutsche aus Manila sitzt in seiner alten Existenz fest. Am Stuttgarter Platz hocken die Leute in Sommerkleidung zusammen und stecken die Köpfe über einem Smartphone zusammen. Einer zeigt einen Film, der im Internet kursiert: Das Wasser in Venedig, heißt es da, sei so sauber wie nie zuvor. Die Menschen staunen, wie schön die Welt ohne Menschen aussieht. Man sieht plötzlich Fischschwärme mitten in der Stadt und sogar den Grund der Kanäle, dessen Sediment kein Gondoliere aufwirbelt, und an den menschenleeren Anlegern tummeln sich Delfine.

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