Ausrichtung auf Digitaltechnik: Trotz Schub in der Medizintechnik: Philips streicht seine Jahresziele

Ausrichtung auf Digitaltechnik: Trotz Schub in der Medizintechnik: Philips streicht seine Jahresziele

Frankfurt Ein starker Rückgang im Geschäft mit Haushaltsgeräten und Konsumprodukten durch die Coronakrise hat beim niederländischen Philips-Konzern im ersten Quartal den Gewinn einbrechen lassen. In der Medizintechnik sorgte die Pandemie allerdings für einen höheren Absatz unter anderem von Beatmungsgeräten und Überwachungsmonitoren für Patienten und Beatmungsgeräte. Auch die Nachfrage nach IT-Lösungen für die Gesundheitsbranche sowie telemedizinischen Angebote legte zu.

Konzernchef Frans van Houten nahm die noch Ende Januar ausgegebenen Jahresziele zurück, nach denen der Umsatz zwischen vier und sechs Prozent zulegen sollte. Jetzt rechnet der Philips-CEO nur noch mit einem bescheidenen Umsatzzuwachs und einer ebensolchen Verbesserung der Marge.

„Angesichts der Unsicherheiten und Volatilität können wir zu diesem Zeitpunkt keinen spezifischeren Ausblick für 2020 geben“, sagte van Houten. Das Unternehmen stellt sich auf einen einen weiteren Rückgang des Geschäfts im zweiten Quartal ein, weil sich die Pandemie seit März weltweit ausbreitet. Der Firmenchef hofft aber auf eine Erholung in der zweiten Jahreshälfte.

Unterm Strich sieht der Philips-Chef in der Coronakrise aber eine Bestätigung der Unternehmensstrategie der vergangenen Jahre, in denen sich das Unternehmen stark auf digitale Technologien ausgerichtet hat. „Wir haben immer gesagt, dass Gesundheits-IT und cloudbasierte Lösungen eine größere Rolle spielen müssen, um die Anbieter untereinander und auch mit dem Patienten zu vernetzen.

Die Nachfrage nach solchen Angeboten beschleunigt sich jetzt durch diese Krise“, sagte van Houten im Gespräch mit dem Handelsblatt. Unter anderem hat Philips eine Smartphone-App entwickelt, die Ärzten die Fernbetreuung von Covid-Patienten erleichtert.

Dennoch konnte die Medizintechnik das schwache Geschäft mit Konsumprodukten bei Philips nicht ausgleichen: Insgesamt bleibt der Umsatz im ersten Quartal bei 4,2 Milliarden Euro nahezu stabil. Auf vergleichbarer Basis gerechnet – also ohne Währungseinflüsse sowie Zu- und Verkäufe – schrumpfte der Umsatz um zwei Prozent. Der Nettogewinn sank von 162 Millionen Euro im Vorjahresquartal auf 39 Millionen Euro.

Auftragseingang steigt um 23 Prozent

Die Ergebnisse des ersten Quartals waren zwar unter den Erwartungen der Analysten geblieben. Dennoch hielten viele an ihren Empfehlungen fest. Die Position von Philips als Hersteller von dringend benötigten medizinischen Produkten werde dem Unternehmen helfen, die Krise ohne einen größeren Schaden zu überstehen, meinen etwa die Analysten der Commerzbank.

Zu den positiven Nachrichten von Philips zählt, dass der Auftragseingang im ersten Quartal um 23 Prozent gestiegen ist. Auch hält das Unternehmen an der geplanten Dividendenzahlung in Höhe von 0,85 Euro Cent fest, die nun allerdings in Aktien ausgezahlt werden soll.

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An der Euronext in Paris legten die Aktien von Philips zeitweise um mehr als sieben Prozent zu. Auch die Titel anderer Medizintechnik-Unternehmen wie Drägerwerk und Siemens Healthineers gewannen.

Dass die Coronakrise Medizintechnikunternehmen einen Auftragsschub bringt, gilt keineswegs für alle Unternehmen der Branche. Denn durch die Pandemie wird manche planbare Operation verschoben, was etwa Hersteller von künstlichen Gelenken und auch von chirurgischer Ausrüstung negativ trifft.

Vergangene Woche hatte deshalb beispielsweise der US-Konzern Johnson & Johnson seine Umsatzprognose für die Medizintechniksparte deutlich zurückgenommen. Auch der Familienkonzern B. Braun, dessen Tochter Aesculap künstliche Gelenke und chirurgische Geräte herstellt, rechnet in diesem Geschäftsfeld mit zeitweise rückläufiger Nachfrage in den von der Corona-Krise betroffenen Regionen.

Auch Philips spürt, dass diese planbaren, so genannte elektive Eingriffe verschoben werden. Insbesondere im Bereich Herzkreislauf. Viele cardiovaskuläre Operationen, die mit Unterstützung der bildgebenden Verfahren von Philips vorgenommen werden, werden zurückgestellt.

Der Einfluss auf die Bildgebenden Verfahren sei ziemlich groß, meint Frans Van Houten. Deswegen rechnet Philips im zweiten Quartal im Geschäftsbereiche Diagnostik & Treatment auch insgesamt mit einem Umsatzrückgang. „Wir erwarten, dass diese Patienten im dritten Quartal wiederkommen, wenn sich die Situation normalisiert“, sagt van Houten.

Produktionkapazität wird stark ausgebaut

Um den deutlich gestiegenen Bedarf nach Beatmungsgeräten und Patienten-Überwachungssystemen nachzukommen, investiert Philips mehr als 100 Millionen Euro in den Ausbau der Produktionskapazitäten in den USA und auch am deutschen Standort in Böblingen.

Die Produktion von klinischen Beatmungsgeräten beispielsweise soll bis zum dritten Quartal um das Vierfache erhöht werden. So will Philips unter anderem einen Großauftrag der US-Regierung über 43.000 Beatmungsräte bedienen und gleichzeitig auch weitere Regionen mit der dringend benötigten medizinischen Ausrüstung versorgen.

An seinem Plan, die Haushaltgerätesparte abzuspalten, hält Philips trotz Corona-Krise fest. Das Unternehmen hatte im Januar bekannt gegeben, sich von dem 2,3 Milliarden Euro schweren Geschäft mit Kaffeemaschinen, Fritteusen und Staubsaugern zu trennen, weil es nicht zum Medizintechnikfokus des Unternehmens passt.

„Wir kommen mit den Vorbereitungen zur Abspaltung der Haushaltgerätesparte voran. Wir haben gesagt, dass der Prozess 12 bis 18 Monate dauert. Wir sind im Plan.“ Obwohl die Sparte im ersten Quartal zweistellig an Umsatz eingebüßt hat, geht von Houten nicht davon aus, dass sich dies negativ auf die Preisverhandlungen im einem möglichen Verkaufsprozess auswirkt.

„Das Haushaltsproduktegeschäft ist ein starkes Geschäft. Wir wissen aus früheren Krisen wie der SARS-Pandemie oder der Konjunkturkrise, wie schnell das Geschäft sich wieder erholt. Wir haben eine starke Marke“, zeigt sich der Philips-Chef zuversichtlich.

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