Als der blonde Klaus noch fuhr

Als der blonde Klaus noch fuhr

Allein die Länge klang vielversprechend. 166,66 Meter! Eine Zahl, die Lothar Jaecke nie vergessen wird. „Da musste man alles reinhauen, alle Körner, die man hatte“, sagt er. Der passionierte Radsportfan spricht übers Sechstagerennen in Berlin, nicht über das aktuelle, dem bleibt er lieber fern. Zu wenig Stimmung, zu viel Firlefanz, „und das Berliner Fachpublikum, von dem immer gesprochen wird, das gibt’s ja gar nicht mehr“, mosert Jaecke, 75.

Er hat eben noch die Zeiten im Sportpalast miterlebt, die goldenen also, wie viele Fans seiner Generation finden; in denen eine Runde besagte 166,66 Meter lang war und die Welt bedeutete. „Ich vergleiche das mit Unions Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Im Sportpalast war vielleicht sogar noch ein bisschen mehr los“, sagt Jaecke.

Verwässerter Wettbewerb

In seinem Blick liegt viel Wärme, ebenso in seinen Worten, wenn er an frühere Größen denkt: an Publikumsliebling Klaus Bugdahl, den sportlichen Leiter Otto Ziege oder Hallensprecher Siegfried „Sidu“ Durst.

Nun ist alles anders. Findet jedenfalls Jaecke. Wenn in diesen Tagen die Frauen und Männer mit den dicken Oberschenkeln in die Pedale treten, um beim Sechstagerennen Rundengewinne zu erzielen und Sprints zu dominieren, ist das manch altem Verehrer nur noch eine Randnotiz wert.

„Heute muss der Hallensprecher brüllen, damit alle kapieren, was gerade passiert. Die Leute brauchen eine Anleitung, denen fehlt die Kenntnis“, sagt Jaecke. Gegen Modernisierung hat er nichts, gegen die Verwässerung des Wettbewerbs schon. „Dieses Jahr sind doch nur durchschnittliche Fahrer dabei“, sagt er. Von Dieter Stein, dem aktuellen sportlichen Leiter, hält er wenig. „Verlegenheitslösungen“ lotse Stein ins Velodrom.

Echten Bahnradsport will der gebürtige Kreuzberger sehen, dafür weniger Show. „Alles viel zu viel“, sagt er. Im Spagat zwischen Tradition und Moderne verkörpert Jaecke all jene, die keine fünf Euro für den halben Liter Bier zahlen wollen und das Nebenprogramm für obsolet halten. Früher war zwar nicht alles besser, aber eben anders. „Ich wollte das Rennen sehen, der Rest war mir egal“, sagt Jaecke.

Blick zurück. Lothar Jaecke erinnert sich gerne an die Sechstagerennen im Sportpalast.

Blick zurück. Lothar Jaecke erinnert sich gerne an die Sechstagerennen im Sportpalast.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

1963 hat er erstmals das Sechstagerennen im Sportpalast besucht. Der Grund war simpel: „Es wurden Karten mit 50 Prozent Rabatt verteilt. Also bin ich da auch mal hin“, erzählt Jaecke, der sich in dieser Zeit zum Großhandelskaufmann ausbilden ließ und nur über ein schmales Budget verfügte. Fünf D-Mark bezahlte er für seine erste Eintrittskarte. Weil er einen Sinn für gute Geschäfte hatte, erwarb er weitere für die zahlreichen Holzbank- Plätze und verkaufte sie gewinnbringend.

„Ich war erstaunt, wie verqualmt alles war“, sagt Jaecke über sein erstes Sechstagerennen. Drinnen roch es nach Radfahrerschweiß und Zigarettenrauch, draußen verkauften die Fahrer ihre Gewinne. „Bohrmaschinen, Rasierapparate, Kaffeemaschinen, das boten die alles an. Was sollten die Fahrer denn sonst mit ihrer dritten gewonnenen Kaffeemaschine anfangen?“, fragt Jaecke amüsiert. Manch Ware blieb trotzdem beim Gewinner. „Die Gebrüder Gieseler siegten in den allnächtlichen Spurtwertungen um einen Fernsehapparat im Werte von 1000 DM“, schrieb der Tagesspiegel 1963.

Aber TV-Geräte und die Gieselers interessierten die Massen nur am Rande, der große Held der sechziger Jahre hieß Klaus Bugdahl. Den „blonden Klaus“, wie sie den Berliner ob seiner Haarpracht nannten, fand auch Jaecke am aufregendsten. 1958 erstmals beim Sechstagerennen siegreich, bildete Bugdahl mit Sigi Renz „die deutsche Starmannschaft“, wie es in einem der knapp 30 Programmhefte heißt, die Jaecke aufbewahrt hat.

Dem Tagesspiegel sagte Bugdahl mal, dass die alten Zeiten mit den heutigen überhaupt nicht zu vergleichen seien. „Wir fuhren 145 Stunden und fürchteten jeden Morgen, wenn das Reinigungspersonal drei Stunden die Halle lüftete, im Durchzug eine Lungenentzündung zu erleiden, die so genannten kleinen und armen Fahrer mit minderem Material und Pflege waren nach ihren Strapazen oft für ihr Leben gezeichnet, wenn sie überhaupt ein Rennen durchstehen konnten.“ Den Fans war’s egal, sie liebten das Spektakel – und erst recht ihren Bugdahl, den Fahrer mit der schwarzen Nummer 9.

„Genommen haben die doch alle was“

1968 gab es einen kleinen Dämpfer, da verhängte das Antwerpener Bezirksgericht eine viermonatige Sperre gegen Bugdahl. Beim Sechstagerennen in Belgien war er mit Aufputschmitteln erwischt worden. „Genommen haben die doch alle was“, vermutet Jaecke. Nur sei das eben kein Thema gewesen. Auch bei Bugdahl nicht, der seine Strafe zahlte und munter weiterradelte.

Insgesamt 27 Mal startete er mit wechselnden Partnern in Berlin, neunmal gewann er dort. Jaecke sah sein Idol („Er war der Größte“) am liebsten mit dem Schweizer Fritz Pfenninger oder Renz fahren. „Die Rennfahrerehe Bugdahl/Renz ist auf Harmonie abgestellt“, notierten die Programmschreiber 1964.

Weniger beliebt waren Bugdahls große Rivalen Rik Van Looy und Peter Post. „Bis Van Looy mal ein paar Kisten Freibier für die Fans auf dem Heuboden spendierte – danach schlug die Stimmung um“, sagt Jaecke mit einem Lächeln. Mit dem Heuboden meinten die Fans die Plätze der billigsten Kategorie, „dort, wo die Krakeeler saßen“, berichtet Jäcke, die am Ende doch zu Bugdahl hielten.

„Wenn Bugdahl oder Renz loslegten, haben die Leute gebrüllt, auch die seriösen in Anzug und Krawatte“, sagt Jaecke. Bis morgens um fünf sei er geblieben – manchmal nur, um zu sehen, „wie Bugdahl mit einem Bein über dem Lenker hing und dabei die Zeitung las“. Und einmal, da ist sich Jaecke sicher, soll Bugdahl das grüne Rad eines Konkurrenten rot lackiert haben.

Gut möglich, dass den langjährigen Sechstagerennen-Anhängern auch imponierte, wie leidenschaftlich der blonde Klaus in Berlin fuhr. Einmal, 1965 war’s, schleppte Bugdahl sich mit Magenkrämpfen über die Runden. Aufgeben wollte er nicht, stattdessen sagte er: „Ich habe endlich etwas Kalbfleisch und Brühe essen können. Vielleicht geht es weiter.“ Schön war die Zeit, als 166,66 Meter noch die Welt bedeuteten.

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